Schikane am Zoll

26 afrikanische Länder wollen freien Handel vom Kap bis Kairo einführen. Doch dass es wirklich so kommt, bezweifeln viele Geschäftsleute. Korruption und unsinnige Bürokratie sind große Hindernisse.

Kakaobohnen Elfenbeinküste

Kakao zählt zu den wichtigsten Exportgütern von Ländern wie Elfenbeinküste oder Ghana. Foto: sia

Bisher wickeln afrikanische Länder nur zwölf Prozent ihres Handels innerhalb ihres Kontinents ab. Die Volkswirtschaften in Südostasien schaffen das Doppelte. In Europa sind es 60 Prozent. Gründe für den schwachen innerafrikanischen Handel sind schlechte Verkehrsanbindungen, hohe Zölle, eine ausufernde Bürokratie und vor allem der mangelnde Willen vieler Politiker, Missstände zu beheben.

Nun wollen 26 Länder einen neuen Anlauf nehmen. Sie haben eine Freihandelszone von Kapstadt bis Kairo angekündigt. In der Region leben 625 Millionen potenzielle Konsumenten und Arbeitskräfte. Sie erwirtschaften ein Bruttosozialprodukt von einer Billion Dollar. Das entspricht gut der Hälfte der afrikanischen Wirtschaftsleistung.

Der simbabwische Ökonom Sindiso Ngwenya spricht von einem „game changer“ für Afrika, vom Aufbruch aus der Armutsecke der Welt dank eigener Wirtschaftskraft. Ngwenya hat die Verhandlungen über die so genannte Tripartite Free Trade Area koordiniert. Die Staatschefs haben das Abkommen vor kurzem in Charm el Cheikh unterzeichnet. Nun müssen die Parlamente es ratifizieren. Dann sollen Zölle sinken, manche gar abgeschafft werden. Grenzpassagiere sollen ihre Dokumente fix erhalten. Straßen und Häfen sollen gebaut werden.

Rachel Espérance Kashira

Die kongolesische Brothändlerin Rachel Espérance Kashira muss den Zöllnern ständig ein paar Dollar zustecken. Foto: judi

Von den Feierlichkeiten im fernen Ägypten hat Rachel Espérance Kashira nichts mitbekommen. Aber die kongolesische Brothändlerin in der Provinzhauptstadt Goma hat Bedenken, dass die Spielregeln am Zoll sich wirklich zum besseren wenden. Kashira kauft ihre Ware in der ruandischen Nachbarstadt Gisenyi. Das Brot ist dort billiger als im Kongo, wie viele Produkte. Denn in Ruanda transportieren Lastwagen die Güter auf geteerten Straßen. Im Kongo holpern sie über Pisten, und Banditen erpressen unterwegs Geld. Das treibt die Kosten in die Höhe.

Kashira importiert zwei Mal in der Woche ein Dutzend Brotlaibe und verkauft sie auf dem Markt in Goma. Sie könnte von dem Geschäft einigermaßen leben, wenn alles mit rechten Dingen zuginge. „Ich muss den Beamten aber fast immer ein paar Dollar zustecken, wenn ich die Grenze passiere“, klagt sie. Manchmal behaupten die Zöllner, die Marktfrau komme zu spät und dürfe nur gegen eine Gebühr nach Hause in den Kongo. Der Schlagbaum schließt um 18 Uhr, angeblich aus Sicherheitsgründen. Manchmal jammern die Staatsdiener, sie erhielten keinen Lohn, so müssten sie leider die Passanten ausnehmen.

„Letztens haben sie meine Freundin sogar eingesperrt“, schimpft Kashira. Die Freundin trug eine Plastikwanne mit Tomaten auf dem Kopf. Nach langen Fußmarsch wollte sie rasten. Zu nahe bei der kongolesischen Fahne, fand ein Zöllner. Für diesen „Frevel“ sollte die Tomatenhändlerin fünf Dollar Strafe abtreten. Fünf Dollar bedeuten im zweitärmsten Land der Welt ein Vermögen. Weil die junge Frau nicht bezahlen konnte, haben die Zöllner sie in einen Bretterverschlag gesteckt. Später haben sie die Tomaten konfisziert und die Gefangene ziehen lassen. Vermutlich haben die Wächter das Gemüse verkauft oder selbst gegessen.

„So etwas passiert täglich“, erzählt Kashira. Die Markthändlerin klagt zudem, dass „viel zu viele Leute“ die Hand aufhielten. Da gebe es den Beamten für Finanzen, für Immigration, für Hygiene, den Geheimdienst und „Typen, die sich als Zöllner ausgeben“.

Die Sprecherin der Provinzregierung in Goma räumt ein, dass Korruption den Geschäftsleuten das Leben schwer macht. Aber sie müssten illegale Zahlungen eben verweigern und die Täter anzuzeigen. Außerdem sei man dabei, das Zollverfahren zu vereinfachen. Es solle irgendwann nur noch einen einzigen Schalter geben, an dem Importeure und Exporteure ihre Stempel erhielten und die Gebühren bezahlen könnten. Der Kongo wolle insbesondere ausländischen Investoren den Weg ebnen.

Darüber lacht Didier Dupon, der in Wahrheit anders heißt. Der afrikanische Unternehmer schmuggelt das meiste Material für seine Firma in den Kongo. „Wenn ich den Zoll bezahlen wollte, wäre ich längst pleite“, sagt er. Die Beamten an der Grenze legten die Gebühr völlig willkürlich fest. Oft übersteige die Abgabe den Wert der gesamten Ware um das Doppelte. Als Dupon letztens wetterfeste Stiefel für seine Mitarbeiter importieren wollte, hat er es auf offiziellem Weg versucht. Die Beamten kassierten die Schuhe sofort ein und behaupteten, Dupon wolle sie an Milizen liefern. Der Geheimdienst drohte sogar, ihn ins Gefängnis zu sperren.

Ein anderes Mal, nach einem Disput mit einem Zöllner, standen plötzlich Soldaten und Dutzende wütender Leute vor seiner Firma. Sie wollten die Büros stürmen, weil Dupon angeblich die Kongolesen ausbeute. „Dabei gebe ich mehreren hundert Menschen in einem Gebiet Arbeit zu einem anständigen Lohn, wo sich kaum ein Unternehmer hin traut“, schimpft er.

Auch der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft berichtet von „mühseligen und zeitintensiven Prozessen“ im Grenzverkehr mancher Länder. Einige erschwerten den Import, um ihre Industrie zu schützen, sagt Hauptgeschäftsführer Christoph Kannengießer. So verhandle etwa eine deutsche Firma schon seit vier Jahren mit den Behörden, weil sie Zement aus ihrem namibischen Werk nach Angola liefern will. Bisher vergebens, obwohl beide Länder der Entwicklungsgemeinschaft südafrikanischer Staaten angehören. Dennoch, Kannengießer glaubt an das Freihandelsabkommen: „Es ist machbar und kann den schwachen Binnenhandel forcieren“.

Ganz anders urteilt der Münchner Unternehmensberater für Afrikageschäfte, Antoine Gnofame, über das Freihandelsabkommen: „Ich fürchte, das wird ein Flop“. Schuld daran seien Inkompetenz und Ineffizienz der Beamten, die die Vereinbarung umsetzen sollen. Gnofame warnt zudem vor einem schädlichen Wettbewerb unter den 26 Ländern. Deren Volkswirtschaften befinden sich auf sehr unterschiedlichem Entwicklungsstand. „Wenn man nicht aufpasst, könnten Firmen aus starken Regionen die kleinen verdrängen“, sagt Gnofame. Er kritisiert, dass Vertreter der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft bei dem Abkommen kaum zu Rate gezogen wurden. Menschen, die wissen, wie es wirklich zugeht im innerafrikanischen Grenzverkehr, bleiben also außen vor.

Dabei bräuchten gerade Händlerinnen wie Kashira eine Lobby. Millionen Afrikanerinnen halten mit kleinen Geschäften ihre Familien am Leben, und sie stärken die Wirtschaft ihrer Länder. Im südlichen Afrika etwa steuert der informelle grenzüberschreitende Warenverkehr immerhin ein Drittel zum regionalen Handelsvolumen bei. Trotz aller Schikanen am Zoll.

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