Sofies verkehrte Welt

Rohstoffe: Die unterschätzte Gier

Ein Beitrag von Silvia Liebrich

Industrieländer wie Deutschland verbrauchen erheblich mehr Rohstoffe als bisher angenommen – bis 2050 könnte sich der weltweite Bedarf vervierfachen. Das zeigt eine neue Studie der australischen Forschungsorganisation CSIRO. „Zum Teil liegt der Bedarf um das Dreifache und mehr über den offiziellen Zahlen“, sagt Professor Thomas Wiedmann.

Rohstoffabbau unter Tage: Ohne den Einsatz von Maschinen geht heute nichts mehr.   Foto: sia
Rohstoffabbau unter Tage: Ohne den Einsatz von Maschinen geht heute nichts mehr. Foto: sia

Die Industrieländer verbrauchen erheblich mehr Rohstoffe, als die offiziellen Statistiken vermuten lassen. Das zeigt eine neue Studie der australischen Forschungsorganisation CSIRO, an der auch Wissenschaftler der Universitäten in Sydney und Santa Barbara in Kalifornien mitgearbeitet haben. Die Gruppe hat erstmals untersucht, wie groß der tatsächliche Ressourcenhunger der Nationen ist. „Zum Teil liegt der Bedarf um das Dreifache und mehr über den offiziellen Zahlen“, sagt der Leiter der Studie, der deutsche Professor Thomas Wiedmann, der Süddeutschen Zeitung . Er lehrt als Umweltexperte an der University of New South Wales in Australien.

Die offiziellen Daten sind der Studie zufolge unter anderem deshalb verzerrt, weil ein großer Teil der Bodenschätze genutzt wird, um andere Rohstoffe zu verarbeiten und zu transportieren. „Dieser indirekte Bedarf taucht in den offiziellen Statistiken nicht auf“, sagt Wiedmann.

„Ein großer Teil der weltweit geförderten Rohstoffe wird nur unzureichend oder gar nicht erfasst, weil sie die Länder, in denen sie erzeugt werden, nicht verlassen.“

2008 wurden der Studie zufolge weltweit 70 Milliarden Tonnen Rohstoffe gefördert und verarbeitet. Doch nur zehn Milliarden Tonnen wurden physisch und grenzüberschreitend gehandelt.

Die Untersuchung, die vor kurzem im Wissenschaftsmagazin PNAS veröffentlicht wurde, macht auch deutlich, dass der Verbrauch von Exportweltmeister China überschätzt wird. Das Land verarbeitet zwar die meisten Rohstoffe weltweit – aber das liegt auch daran, dass es als globale Werkbank dient: Ein erheblicher Teil der in der Volksrepublik produzierten Waren wird in die USA, nach Europa und in andere Regionen der Welt exportiert.

In den Industrieländern wird dagegen unterschätzt, wie viele Ressourcen die Menschen verbrauchen, wenn man alle Waren aus dem Ausland mit einrechnet, die sie verwenden. Das gilt auch für Deutschland. „Die deutschen Importzahlen zeigen bei weitem nicht den tatsächlichen Umfang des nationalen Verbrauchs“, sagt Wiedmann.

„Die Bundesregierung ist deshalb nicht korrekt über das wahre Ausmaß der Abhängigkeit des Landes informiert. Sie kann den Mehrverbrauch mit normalen Statistiken nicht einkalkulieren.“

Für Deutschland haben Wiedmann und seine Kollegen für 2008 einen tatsächlichen Bedarf von 1,8 Milliarden Tonnen an Rohstoffen ausgerechnet. In der offiziellen Statistik taucht dagegen nur die Zahl von knapp einer Milliarde Tonnen auf. China dagegen gehört unterm Strich zu jenen Ländern, deren Menschen mehr Rohstoffe fördern, als sie selber verbrauchen. Im Jahr 2008 haben die Chinesen mit 16 Milliarden Tonnen zwar absolut gesehen doppelt so viele Ressourcen verbraucht wie die USA, vier Mal so viele wie in Japan und neun Mal so viele wie in Deutschland. Dennoch gehört das riesige Land zu jenen, die unter dem Strich mehr erzeugen als verbrauchen.

Im Vergleich dazu benötigen Industrieländer wie Großbritannien vier Mal so viele Rohstoffe, wie sie selbst liefern können. Der Bedarf wohlhabender Ballungsräume wie Singapur oder Luxemburg liegt sogar noch um ein Vielfaches darüber.

Doch das Plündern der weltweiten Reserven geht unvermindert weiter. „Die Menschheit verbraucht so viele Rohstoffe, wie noch nie zuvor in der Geschichte“, stellt Wiedmann fest. „Es gibt Studien, die eine Vervierfachung des globalen Rohstoffverbrauchs bis zum Jahr 2050 vorhersagen. Dieser enorme Bedarf hat langfristige und gravierende Auswirkungen auf unsere Umwelt, die Nutzung von Land, das Klima und die Wasserreserven“, warnt er.

Deshalb sei die Berechnung des sogenannten Ressourcen-Fußabdrucks ein wichtiger neuer Indikator für Nachhaltigkeit. Solche Modelle werden bereits für den virtuellen Wasserverbrauch herangezogen: Fußabdrücke machen deutlich, wie viel Wasser zum Beispiel die Deutschen weltweit wirklich verbrauchen, wenn sie Erdbeeren aus Spanien essen und Jeanshosen tragen, die in China produziert werden.

Wiedmann und seine Kollegen fordern ein Umdenken in der Rohstoffpolitik. In einigen Bereichen sei die Lage bereits kritisch. „Bei fossilen Rohstoffen haben wir die Grenze bereits erreicht, oder sogar überschritten. Wir müssen diese nach und nach durch neue Energiequellen ersetzen“, ergänzt er. Die Vorkommen bei einer Reihe seltener Metalle und Mineralien könnten bereits in den nächsten 20 bis 30 Jahren erschöpft sein. Das gelte unter anderem für Phosphor, einen wichtigen Düngerzusatz in der Landwirtschaft. „Wasserknappheit kommt schon heute in vielen Ländern zum Tragen“, sagt Wiedmann. So braucht etwa Namibia, eines der trockensten Länder der Erde, große Mengen an Frischwasser für den Uranabbau.

Rohstoffarme Länder, zu denen Deutschland zählt, werden mehr denn je darauf angewiesen sein, wertvolle Stoffe zu recyceln. Knapp 40 Millionen Tonnen Müll produzieren die Bundesbürger nach Angaben des Bundesamtes für Statistik pro Jahr. Gut 70 Prozent des Abfalls wird inzwischen recycelt – bei Glas und Papier sind es sogar fast 100 Prozent. Das bedeutet aber auch, dass ein Drittel des Mülls nicht wiederverwertet wird, darunter wertvolle und rare Metalle. Die Bundesrepublik verfügt zwar über Braunkohle, Baustoffe und Mineralien wie Kali. Dafür sind Metalle und die fossilen Brennstoffe Öl und Gas kaum vorhanden.

Erschienen am 17. Oktober 2013 in der Süddeutschen Zeitung