Sofies verkehrte Welt

Lebensmittelskandale: Die Mär vom Horrorpreis

Ein Beitrag von Silvia Liebrich

Die Liste der Lebensmittelskandale ist lang. Haften bleiben die spektakulären Fälle: BSE, die Ehec-Krise und dioxinverseuchte Eier. Nicht immer muss dabei kriminelle Energie im Spiel sein. Schlampereien und mangelhafte Kontrollen tragen ihren Teil dazu bei. Das bei weitem größte Problem in der Lebensmittelproduktion ist jedoch nicht Betrug, sondern der Mangel an Transparenz. Ein Kommentar

Osterei mit Dioxin
Lebensmittelkontrolleure finden immer wieder
Dioxin in Eiern. Foto: fotolia

Wenn Fleisch grünlich schimmert und stinkt, ist das ein schlechtes Zeichen. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, daraus noch eine Mahlzeit zuzubereiten. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass solches Gammelfleisch in Wurst und Fertiggerichten landet. Schwarze Schafe gibt es eben überall, auch in der Fleisch- und Wurstindustrie. Dann sind die Staatsanwälte am Zug, wie jetzt in Niedersachsen. Ein Produzent soll dort seine Arbeiter angewiesen haben, verdorbenes Fleisch zu verwursten. Werden solche Fälle bekannt, ist der Aufschrei der Empörung groß. Doch er ist meist genauso schnell wieder verklungen. Auch bei Verbrauchern halten sich die Ekelanfälle in Grenzen. Es bleibt ihnen auch nicht viel anderes übrig, wollen sie nicht auf der Stelle zu Vegetariern werden.

Die Liste der Lebensmittelskandale ist lang. Haften bleiben die spektakulären Fälle: BSE, die Ehec-Krise und dioxinverseuchte Eier. Nicht immer muss dabei kriminelle Energie im Spiel sein. Schlampereien und mangelhafte Kontrollen tragen ihren Teil dazu bei. Das bei weitem größte Problem in der Lebensmittelproduktion ist jedoch nicht Betrug, sondern der Mangel an Transparenz. Welche Zutaten woher kommen, lässt sich hinterher kaum nachvollziehen. Wie etwa Pferdefleisch aus Rumänien seinen Weg in die Lasagne namhafter europäischer Markenhersteller gefunden hat, weiß bis heute niemand so genau. Diverse Gerichtsverfahren laufen mangels Beweisen ins Leere. Die Spur des Fleisches durch Europa lässt sich nicht nachvollziehen, weil entsprechend Vorschriften fehlen – und Betrüger diese Lücke zu nutzen wissen.

Fast genauso schlimm ist es aber, dass sich die EU standhaft weigert diesen Missstand zu beseitigen, obwohl sie dazu in der Lage wäre. Denn für das Problem gibt es eine einfache Lösung: Eine verbindliche Herkunftskennzeichnung von Fleisch und anderen Lebensmitteln in der Europäischen Union. Seit dem BSE-Skandal gibt es die nur für Rindfleisch, und das auch nur ansatzweise für Frischware. Bei Schweinen, Geflügel, Pferden oder Schafen muss dagegen kein Nachweis erbracht werden. Das gilt auch für andere verarbeitete Lebensmittel. Die Gesetze bleiben lückenhaft, weil es der Industrie immer wieder gelingt, schärfere Normen zu verhindern.

Inakzeptabel ist es, dass die Lebensmittelindustrie dabei voll auf die Hilfe von EU-Verbraucherschutzkommissar Tonio Borg zählen kann. Dessen Aufgabe wäre es eigentlich, die Interessen der Konsumenten zu schützen. Doch der setzt nun alles daran, um Verbrauchern genau das Gegenteil schmackhaft zu machen – mit einem wahren Horror-Szenario. Fleisch werde um bis zu 50 Prozent teurer, wenn die Industrie eine verbindliche Herkunftskennzeichnung einführen müsste, heißt es in einer aktuellen Analyse der EU-Kommission. Schon allein der Hinweis, ob das Fleisch nun aus der EU stammt oder nicht, könnte die Produktionskosten um ein Viertel in die Höhe treiben. Borgs Botschaft lässt sich in aller Kürze so zusammenfassen: „Lieber Verbraucher, dein Schutz ist so teuer, dass du dir das nicht leisten kannst und auch nicht willst.“

Bei näherer Betrachtung zeigt sich rasch, dass diese Zahlen jeder Grundlage entbehren. Sicher, es stimmt, eine lückenlose Dokumentation auch für die Behörden erhöht den Aufwand der Produzenten, allerdings nur minimal. Lebensmittelhersteller erfassen schon heute detailliert, von wem sie welche Waren bekommen und an wen sie liefern. Sie müssen die Daten nur noch offenlegen. Die Erfassungssysteme dafür sind bereits vorhanden. Produktinformationen aller Art lassen sich einfach in sogenannten QR-Codes speichern und auf Verpackungen drucken. Solche Codes lassen sich leicht entschlüsseln, etwa mit einer App auf dem Handy. Die Technik ist eingeführt und hat sich bewährt. Große Investitionen sind auch dafür nicht notwendig.
Mehr Transparenz ist also keine Frage des Geldes, sondern des Wollens. Viele Hersteller wollen eben nicht offenlegen, dass das Saftkonzentrat für ihr Apfelschorle aus China kommt oder der Schinken auf ihrer Premium-Pizza von einem Billigproduzenten in Rumänien. Auch die EU-Regierung hat kein Interesse an so viel Transparenz. Schließlich könnte das den laufenden Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den USA abträglich sein. Höhere Produktionsstandards schaden da nur. Sie mindern die Exportchancen der Industrie. Pech für die Verbraucher. Sie bleiben bei diesem Geschacher auf der Strecke. Auf Unterstützung des obersten Verbraucherschützers in Brüssel können sie nicht zählen. Das ist der eigentliche Skandal.

Erschienen am 7. November 2013 in der Süddeutschen Zeitung