Sofies verkehrte Welt

Räuschling statt Riesling – Die Rückkehr alter Rebsorten

Ein Beitrag von Silvia Liebrich

Die Reblaus und zwei Weltkriege haben die Vielfalt des Weins stark dezimiert. Nun wurden 350 alte Rebsorten wiederentdeckt. Sie könnten den Anbau in Deutschland revolutionieren. Für Weinbauern sind sie eine Chance, den Klimawandel zu bewältigen.

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Sie waren fast vergessen und galten als verloren: Weine mit ungewöhnlichen Namen wie Weißer Räuschling, Gelber Kleinberger, Arbst, Schwarzurban oder Süßschwarz. Foto: sia

Wörrstadt/Gundheim – Auf diesen Moment hat sich Ulrich Martin lange gefreut. Endlich kann er den ersten jungen Wein im Glas kreisen lassen. Ein besonderer Moment für den Mann, der Rebstöcke vermehrt. Ein Moment, dem er seit der Lese im vergangenem September entgegenfiebert. „Für mich ist das wie Geschenkeauspacken an Weihnachten“, sagt Martin, ein Mann Mitte fünfzig. Die Flüssigkeit in seinem Glas schimmert gelb. Weißwein, ganz klar. Mehr will er zunächst nicht verraten.

An einem kalten Mittwoch im Januar ist es so weit. Martin will eine Reihe junger Weine präsentieren, bei einer Weinprobe der besonderen Art. Denn was er an diesem Abend einschenken lässt, dürfte es so gar nicht geben: Weine mit ungewöhnlichen Namen wie Weißer Räuschling, Gelber Kleinberger, Arbst, Schwarzurban oder Süßschwarz. Alte, einst in der Region angebaute Rebsorten, die vor langer Zeit verschwunden sind – erst aus den Weinbergen und schließlich aus dem Gedächtnis der Menschen. Für immer, wie man lange annahm. Die Reblausplage und zwei Weltkriege führten zu einem Kahlschlag, dem Hunderte Sorten zum Opfer fielen.

Vor ein paar Jahren dann die große Überraschung: Gut 350 vergessene Rebsorten – viel mehr als erwartet – wurden bei einer vom Bund initiierten Suche zwischen 2007 und 2010 in ganz Deutschland wiederentdeckt, in alten Weinbergen, an den Wänden alter Häuser oder wildwuchernd an Wegrändern. Eine gewaltige Zahl, gemessen an nur zwei Dutzend Sorten, die den deutschen Weinanbau heute prägen. Die Erwartungen sind deshalb groß. „Wir brauchen diese Vielfalt“, sagt Martin. „Sie ist unsere Antwort auf den Klimawandel.“

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Die Gäste sollen unvorgenommen probieren, deshalb stehen auf den Flaschen nur Nummern. Foto: sia

Züchter und Weinbauern sehen in dem Fund einen Schatz, der den Weinbau in Deutschland revolutionieren könnte. Weil er neue Geschmackswelten eröffnet, aber auch den Zugang zu einem vielfältigen Genpool. Die alten Sorten könnten Weinbauern dabei helfen, Schädlinge und die Folgen des Klimawandels besser zu bändigen, so die Hoffnung. Denn beliebte Sorten wie der Riesling werden sich schwer halten, wenn die Sommer heißer werden, so wie 2018. Der Riesling muss deshalb früher oder später ersetzt werden, warnen Experten.

Schon Kelten und Römer haben in Rheinhessen Trauben kultiviert

Vier Dutzend Winzer und Weinenthusiasten wollen an diesem Abend die Wiedergeburt einiger historischer Tropfen miterleben. Dafür sind sie nach Wörrstadt gefahren, einem kleinen Winzerort im Rheinhessischen, mitten im größten deutschen Weinbaugebiet, nur ein paar Kilometer von Mainz entfernt. Schon Kelten und Römer haben hier Trauben kultiviert. Heute überziehen lange Reihen akkurat gepflanzter Rebstöcke die Hügel mit einem eigentümlichen Streifenmuster.

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Eine Weinprobe der besonderen Art. Foto: sia

Während draußen eisige Böen um die Hausecken peitschen, rückt man in Böhm’s Weinstube an langen Tischen zusammen. 25 historische Weine in drei Stunden, blind verkostet – selbst für geübte Gaumen ist das eine Herausforderung. Nicht nur die Geschmackssinne sind beansprucht. „Da muss ich schon schauen, dass ich aufrecht wieder zur Tür rauskomme“, meint einer der Weintester und bedient sich erst einmal am deftigen Vesper-Teller.

Ulrich Martin gehört zu dem Schlag Menschen, die Mund und Füße nicht lange still halten können. Als Zeremonienmeister der Weinprobe ist er in seinem Element. Er unterhält mit Anekdoten, etwa der einer Spaziergängerin in Potsdam, die am Waldrand uralte Reben erkannte, die seit vielen Jahrzehnten unbemerkt in Baumkronen wucherten – Relikte aus längst vergangenen Tagen, in denen Brandenburg noch Weinland und die Winter dort milder waren. Schon Martins Vater und Großvater haben Weinreben vermehrt. Ein Metier, das erst durch die Reblaus entstanden ist. Weil gegen den aus Nordamerika eingewanderten Schädling nichts anderes hilft, müssen Reben auf robuste Wurzelstöcke gepfropft werden, denen die Läuse nichts anhaben können. Martins Rebschule liegt in Gundheim, dort wo Pfalz und Rheinhessen aufeinandertreffen. Zwei Drittel des deutschen Weins stammen von hier. Eineinhalb Millionen Rebstöcke verkauft Martin pro Jahr. Seit ein paar Jahren auch alte Sorten.

Die Gäste wollen endlich wissen, wie sich ein Gänsfüßer auf der Zunge anfühlt

Nach einer Viertelstunde macht sich Ungeduld breit: Noch stehen vor jedem Gast zwei leere Weingläser. Viele wollen endlich wissen, wie sich ein Gänsfüßer oder ein Roter Veltliner auf der Zunge anfühlt, wie er schmeckt, wie er riecht. Martin läutet die erste Runde ein: Zwei Sorten Weißwein in schlanken Weinflaschen, auf den Etiketten steht in schwarzen Lettern nur eine „1“ oder „2“, damit niemand vorschnell urteilt.

Die Kenner stecken die Nase tief ins Glas, nehmen dann vorsichtig den ersten Schluck und lassen ihn geräuschvoll durch den Mund wirbeln. Ein Raunen geht durch die Reihen. Einige nicken anerkennend, andere werfen sich verstohlene Blicke zu. Noch wagt sich niemand mit einem Urteil vor. Ein Mann setzt zum Reden an, doch die Frau an seiner Seite pfeift ihn mit einem „Du sagst jetzt nichts“ zurück.

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Eine junger Rebstock der Sorte Kleinedel. Foto: sia

Martin lässt nicht locker, fragt ab, bis der Bann gebrochen ist. Während der Erste Zitrusnoten erschnuppert, tippt der Zweite auf rote Johannisbeere, der Dritte vermutet einen Hauch von Riesling in der Nase. Dann die Auflösung: Nummer eins ist ein Weißer Räuschling, erstmals dokumentiert in der Pfalz im 16. Jahrhundert. Die zweite Flasche enthält einen Weißen Traminer. Eine mindestens 5000 Jahre alte Sorte, die aus dem heutigen Gebiet Irans stammen soll.

Der Mann, der die vergessenen Reben im Auftrag des Bundesagrarministeriums aufgespürt und identifiziert hat, heißt Andreas Jung. „Mir geht es darum, dass man die alten Sorten nicht ins Museum sperrt, sondern wieder in den Anbau bringt“, sagt der Biologe und Ethnologe, der früher am staatlichen Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof tätig war und 2006 seine eigene Firma für Rebsortenkunde gründete.

Für den Reben-Detektiv Andreas Jung ist die Weinprobe ein Pflichttermin

Als Jung seine detaillierten Forschungsergebnisse vor acht Jahren staatlichen Stellen übergab, fürchtete er, dass sie dort unter Verschluss bleiben. Deshalb startete er vor sechs Jahren mit Martin das Projekt „Historische Rebsorten“.

Jung, 57, wirkt wie einer, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Für ihn ist die Weinprobe ein Pflichttermin, viele sind extra seinetwegen gekommen. „Niemand hat in Europa so viele alte Sorten gefunden wie ich“, sagt der Mann, der in der Szene als „Rebsorten-Archäologe“ und „Weinberg-Detektiv“ bekannt ist. Vor gut zehn Jahren rief er Weinbauern dazu auf, alte Reben zu melden. „Die Resonanz war riesig“, sagt Jung. Mit dem Glas in der Hand erzählt er, wie sich sein Leben in dieser Zeit anfühlte, wie er rastlos durch Weinberge stieg, mit den Leuten sprach und immer wieder Pflanzen untersuchte. Wie er nach und nach ihre Herkunft enthüllte.

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Andreas Jung erklärt die Sorten. Foto: sia

Jung nimmt seine Zuhörer mit auf eine spannende Zeitreise, die bis ins alte Syrien, nach Afghanistan, Indien und Nordchina führt, wo der Ursprung der Wildreben vermutet wird. Die Geschichte des Weins handelt von Völkerwanderung, Vertreibung und den Menschen, die ihn angebaut und getrunken haben, und das schon vor gut 9000 Jahren, wie fossile Funde belegen.

Der Grünfränkisch galt bis vor kurzem noch als ausgestorben

Heute steht fest: Jungs Einsatz hat sich gelohnt. In nur drei Jahren inspizierte er mehr als eintausend Standorte, bestimmte 352 unterschiedliche Rebsorten, darunter 330 alte Landsorten, von denen 130 als ausgestorben oder völlig unbekannt galten.   Ein Fund, der dem Forscher viel bedeutet, kommt in Runde drei auf den Tisch: ein Weißwein, ein Grünfränkisch, der durch seine intensive goldgelbe Farbe auffällt. „Die Sorte ist mit 99 Prozent diejenige, die einst für den Weltruhm der Liebfrauenmilch verantwortlich war“, sagt Jung. Der Süßwein erzielte vor mehr als hundert Jahren Spitzenpreise und wurde bis nach Asien verkauft. Später folgte der Niedergang. Nachahmer füllten andere, schlechtere Weine in großen Mengen als Liebfrauenmilch ab und ruinierten so den Ruf.

„Noch bis vor Kurzem galt der Grünfränkisch als ausgestorben“, sagt Jung. Dabei standen alte Reben nicht weit entfernt in einem Pfälzer Weinberg. „Der Winzer, der ihn gepachtet hat, glaubte 25 Jahre, dass es sich bei dem mehrfach prämierten Wein in seinen Fässern um einen aromatischen Weißburgunder handelt.“ Ein Irrtum, wie Jungs Analyse ergab. Überlebt hat die Sorte, weil sie ein früherer Besitzer als Weißburgunder ausgab und sie so einem Rodungsbefehl der Behörden entging.

Bei den meisten Testtrinkern kommt der Grünfränkisch gut an. „Eine interessante Sorte“, sagt Axel May, ein junger Winzer aus der Region, der das Weingut Steinmühle in elfter Generation führt. Vielleicht will er gerade deshalb etwas Neues probieren. Derzeit stellt er auf Bio um. „Einen Versuch mit alten Sorte würde ich schon wagen, allerdings erst mal auf einer kleineren Fläche.“ Ein anderer winkt ab. Weine mit sperrigen Namen wie Grünfränkisch oder Gelber Kleinberger wolle niemand trinken. „Der Name eines Weins muss elegant klingen, sonst kriege ich den nicht verkauft.“

Winzer wie Jonas Kiefer wollen sich mit alten Reben von der Masse abheben

Jonas Kiefer, 41, Chef eines gleichnamigen Weinguts, lässt sich von solchen Vorbehalten nicht abschrecken. Der in Verruf geratenen Liebfrauenmilch will er mit dem Grünfränkisch zu neuem Glanz verhelfen, wie auch drei weiteren alte Sorten. 2014 hat er seinen Betrieb modernisiert. „Am Heiligen Häuschen“, so heißt die Lage in den Weinbergen bei Worms, steht inmitten der Reben ein neuer Hof samt Kelter. Eine Investition, die sich auszahlen soll, auch mithilfe der alten Rebsorten. Kiefer zählt zu den ersten, die vor drei Jahren damit begannen, die alten Sorten zu pflanzen.

Winzer wie Kiefer hoffen, sich so von der breiten Masse abzuheben. „Mir gefällt es, etwas anzubauen, das sonst keiner hat“, sagt er. „Inzwischen kommen Kunden gezielt wegen der historischen Sorten, ohne, dass ich groß dafür werbe.“ Vom zweiten Jahrgang des Roten Veltliner sei kaum noch etwas übrig. Der dritte reift gerade im Fass. Als ihn ein Kollege nach den Risiken fragt, gibt er zu: „Klar gibt es die.“ Wie die wiederentdeckten Reben auf Boden, Umwelt und in der Verarbeitung reagieren, da gebe es noch keine verlässlichen Erfahrungswerte. Bislang seien die Ergebnisse aber vorwiegend positiv.

Kiefer lässt es langsam angehen. Vier alte Sorten baut er auf jeweils 1500 Quadratmetern an. Gemessen an einer Gesamtfläche von 21 Hektar macht das gerade einmal drei Prozent aus. Was auf dieser Fläche passiert, gilt als Versuchsanbau. Und für den braucht es eine Zulassung der Behörden, auch ein Hinweis für Verbraucher ist Pflicht. In den nächsten Jahren will Kiefer weiter ausbauen, vor allem die Sorten Grünfränkisch und Fränkischer Burgunder, ein wiederentdeckter alter Burgunder-Rotwein, den angeblich schon Karl der Große zu schätzen wusste.

Der Sommer 2018 zeigte, wie unterschiedlich die alten Sorten auf Wetterextreme reagieren

Auch Rebenveredler Martin traut dem Rotwein mit der Sortennummer 938 viel zu, nicht nur, was den Geschmack angeht, sondern auch, weil er weniger anfällig ist für Krankheiten und Schädlinge. Denn das bedeutet auch weniger Einsatz von Pestiziden. Der Fränkische Burgunder reift spät, trägt kleine Beeren mit dicker Schale und verfügt so über einen natürlichen Schutz gegen Beerenfäule und die sogenannte Kirschessigfliege, einen aus Asien eingeschleppten Schädling. Der macht Obst- und Weinbauern immer mehr zu schaffen, weil er reife Früchte befällt und sie rasch faulen lässt.

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Gute Ernte: Rebveredler Ulrich Martin im Sommer 2018. Foto: sia

Wie unterschiedlich die alten Sorten auf Wetterextreme reagieren, konnte man im Herbst in Martins Weinberg beobachten. Direkt neben seiner Rebschule baut er gut 20 alte Sorten an, rote und weiße Trauben in Reihen mit bis zu 100 Stöcken. Eine Menge, die gerade so ausreicht, um je ein Fässchen zu füllen. Monatelange Hitze und kaum Regen, das hinterließ deutliche Spuren. Tiefe Risse klafften im steinharten Boden. Einige Stöcke trugen bereits Anfang September kaum noch Laub. Andere standen kräftig im Saft, ganz besonders der Fränkische Burgunder.

Wie der Wein schmeckt, darüber kann sich knapp fünf Monate später jeder der Anwesenden ein Urteil bilden. Zwei Gläser Fränkischer Burgunder, Jahrgang 2017 und 2018, schließen die Verkostung ab.

Wein in Brandenburg? Das geht schon seit ein paar Jahren

Für Rico Leonhardt, Weinbauer aus Brandenburg, hat sich der weite Weg gelohnt. „Die Weinprobe hat gezeigt, welche Möglichkeiten in den Sorten stecken“, auch wenn der ein oder andere Ausreißer dabei gewesen sei, der nicht den allgemeinen Geschmack treffe. Der 32-Jährige gehört zu einer Handvoll Enthusiasten, die den Weinanbau in Brandenburg wieder etablieren wollen. Der verschwand vor 170 Jahren mit dem Eisenbahnbau und der Einfuhr von Billigwein.

Schon als Jugendlicher braute Leonhardt Hagebuttenwein. Es folgte eine Winzerlehre in Meißen, einem bekannten Anbaugebiet der früheren DDR. 2011 grub er zu Hause in Bad Liebenwerda einen Acker um und setzte die ersten Reben. Zwei Jahre später füllte er den ersten Wein ab. Nun will er erweitern. „Alte Rebsorten haben über die vielen Jahrhunderte schon einiges an Klimaschwankungen erlebt und sind daran angepasst“, sagt der Weinbauer. Gerade deshalb findet er sie interessant. Sandige Böden, extrem kalte Winter, trockene und heiße Sommer sind in Brandenburg nichts Ungewöhnliches – nicht gerade ideale Bedingungen für Weinanbau.

Als spät am Abend die letzten Gläser in Böhm’s Weinstube abgeräumt sind, zieht der Gastgeber eine erste positive Bilanz. Martin hat einiges an diesem Abend erreicht, hat Vorurteile abgebaut und mögliche neue Abnehmer gefunden.

Knapp 20 Winzer bauen einige der alten Sorten bereits an. Er weiß aber auch, dass es viel mehr werden müssen, wenn das Projekt ein finanzieller Erfolg werden soll. „Ich hoffe, dass die historischen Rebsorten nicht einfach ein Modetrend werden, der hochfliegt und dann schnell wieder verglüht“, sagt er. Denn dann wären all die Mühen der vergangenen Jahre vergebens gewesen.

 

Veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung am 9.2.2019