Sofies verkehrte Welt

Erfrischung aus der Dose:

Ein Beitrag von Silvia Liebrich

Wenn der Liter Wasser 140 Euro kostet

Wasser in Spraydosen wird immer beliebter. Vor allem aber ist es ein Riesengeschäft. Die Verbraucher scheint das kaum zu stören.

 

 

Wasserspray Balea im Drogeriemarkt. Foto: sia
Gut gefülltes Regal: Wasserspray Balea im Drogeriemarkt. Foto: sia

Wer wünscht sich nicht eine kühle Erfrischung, wenn über dem Asphalt die Hitze flimmert und jedes Deo kläglich versagt? Ein Spritzer Wasser ins Gesicht wäre da eine willkommene Abkühlung. Kein Problem, haben sich clevere Marketingstrategen gedacht: einfach Wasser in Sprühdosen abfüllen, am besten in handlichem Format, sodass sie in jede Hand- oder Hosentasche passen.

Ebbe im Regal. Foto: sia

Bei der Drogeriemarktkette Müller gibt es die 75-Milliliter-Aludose für 1,45Euro. Das Wasserspray von Aveo war Ende Juli so gefragt, dass im Regal der Filiale am Münchner Hauptbahnhof Ebbe herrschte. „Demnächst wieder lieferbar“, versprach ein kleines Schild. Ein paar Meter weiter dann doch noch ein Treffer. Der hatte aber seinen Preis: 50 Milliliter für gut drei Euro. Bei Amazon kann diese Größe sogar sieben Euro kosten. Hochgerechnet auf den Liter sind das 140 Euro.

„Der mikrofeine Sprühnebel erfrischt gestresste und irritierte Haut, wirkt sofort reizlindernd und beruhigend“, verspricht der Hersteller Avène. Zudem soll das Spray bei Insektenstichen, Sonnenbränden und Verbrennungen helfen. Das klingt schon fast nach Wundermittel. Ernüchternd fällt jedoch der Blick auf die Inhaltsangabe aus. Neben „Thermal Spring Water“, also Thermalwasser, steht dort noch der Begriff „Nitrogen“. Dahinter verbirgt sich Stickstoff, der mit 78Prozent den Hauptbestandteil von Luft ausmacht. Wasser und Stickstoff, so lautet auch die Erfolgsformel für das „Quellwassererfrischungsspray“, das der Mineralwasserhersteller Evian liefert. Kostenpunkt: neun Euro für die 150-Milliliter-Flasche.

Der Inhalt: meist einfach nur Wasser und Stickstoff

Wasser in Sprühdosen bieten inzwischen viele an. Drogeriemärkte wie dm (Balea) und Rossmann (Isana) sind mit eigenen Marken am Start. Und so mancher Produzent kann sich den Hinweis nicht verkneifen, dass sein Wasserspray garantiert glutenfrei und obendrein vegan sei. Was eigentlich logisch und selbstverständlich ist, wird zum herausragenden Verkaufsargument. Die Käufer scheint das allerdings kaum abzuschrecken, genauso wenig wie die Tatsache, dass sie für schnödes Wasser, gemessen am reinen Warenwert, horrende Preise zahlen.

Völlig vergessen haben Handel und Produzenten offenbar ihr Versprechen, Verpackungen und Plastikmüll zu reduzieren. Wer Wasser in Sprühdosen verkauft, investiert damit indirekt in Bergwerke. Ähnlich wie bei Kaffeekapseln zahlen Kunden vor allem für die Verpackung. Aluminium wird im großen Stil aus dem Erz Bauxit gewonnen, das vor allem in Australien, China, Brasilien, Guinea, Jamaika und Indien großflächig im Tagebau gewonnen wird. Nach Angaben von Umweltschützern fallen für jede Tonne fertiges Aluminium zwischen ein und sechs Tonnen Rotschlamm an. Ein giftiges Abfallprodukt, das Mensch und Natur schadet. Bei der Erzverarbeitung werden zudem schädliche Gase und jede Menge an CO₂ freigesetzt, das dem Klima schadet.

Seit diesem Jahr mischt auch Aldi Süd (Lacura) im Geschäft mit – unverkennbares Zeichen dafür, dass sich das Trendprodukt zum Massenprodukt entwickelt. Doch langsam mehren sich auch die kritischen Stimmen von Verbraucherseite. Die Drogeriekette dm und Aldi bekamen in diesem Sommer den Zorn einiger Kunden auf Facebook zu spüren. So beschwerte sich eine Frau: „Auf der einen Seite so schön mit Nachhaltigkeit werben und dann so einen Müll in die Regale stellen … schade.“ Eine Aldi-Kundin schrieb: „Was für ein Müll. Ich hoffe, das kauft niemand.“ Tatsache ist aber auch, dass sich viele Nutzer in sozialen Medien positiv äußern: „Super frisch bei Hitze“, lobt eine Käuferin. Eine andere freut sich über ihre perfekt sitzenden Locken.

Aldi und dm rechtfertigen sich damit, dass „Aqua-Sprays“ sehr beliebt seien, entsprechend groß sei die Nachfrage. Man sei aber auf der Suche nach Verpackungsalternativen, heißt es dort weiter. Wertvolle Hilfe könnte da der Tipp einer dm-Kundin leisten: „Ich habe immer schon eine wiederverwendbare Sprühflasche benutzt, da kommt einfaches Leitungswasser rein. Diese erfüllt den gleichen Zweck und ist umweltfreundlich.“ Das wäre dann aber vielleicht kein so gutes Geschäft.

Veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung vom 29. Juli 2019

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