Das Drama des begabten Milchproduzenten

Warum marschieren gerade begabte Bauern, dem allgemeinen Trend entsprechend in eine Richtung, wo sie die Gesellschaft gar nicht braucht: in die Produktion von Milchüberschüssen, fragt sich Gastautor Franz Rohrmoser. Die Analyse eines Dilemmas.

 

 

Milchkühe - kleiner

Ein Anblick, den es nicht mehr überall gibt: Milchkühe auf der Weide. Foto: sia

 

„Wenn ich die Weststrecke Wien/ Salzburg fahre und die schönen Bauernhöfe sehe, denke ich mir, könnten diese Bauern nicht etwas Gescheiteres machen als Überschüsse zu produzieren?“
Bruno Kreisky 1977, ehmaliger österreichischer Bundeskanzler

In ein Drama stürzen sich viele jener Milchbauern die in einer Art „Flucht nach vorne“, um jeden Preis wachsen wollen und einen Stall mit 150, mit 300, mit 600 oder neuerdings sogar für 1000 Kühe bauen. Dieser Trend ist zur Zeit in Deutschland sichtbar und wir Österreicher sollten nicht alles nachmachen. Die IG-Milch will diesen Trend bei uns stoppen. Sie wollen als Bauern dem Wachstumswahn Widerstand leisten und treten für eine freiwillige Mengenbeschränkung ein.

Aber warum marschieren gerade begabte Bauern, dem allgemeinen Trend entsprechend in eine Richtung, wo sie die Gesellschaft gar nicht braucht, denn wir haben schon 40 Jahre Milchüberschüsse. Wir brauchen die Milchbauern, aber nicht die Überschüsse und hier fehlt an die Wachstums-Bauern gerichtet die politische Kreisky-Frage: „Könnt`s nicht etwas Gescheiteres machen als Überschüsse zu produzieren“. In der Süddeutschen Zeitung schreibt Silvia Liebrich: „Bauern steuern auf eine selbstgemachten Krise zu“. Landwirte sollen für den Weltmarkt produzieren, so will es der Bauernverband. Das kann nicht funktionieren“. Zitat: „Schuld an der Misere ist vor allem der Bauernverband, der viele seine Mitglieder mit dieser Wachstumsstrategie geradewegs in die Krise manövriert. Das Schielen auf den Weltmarkt bedroht nicht nur die Existenz vieler kleiner und mittelgroßer Betriebe, es überlastet auch Ökosysteme und schürt Konflikte mit der Bevölkerung“

Diesen Wachstumswahn aus der Sicht eines Dramas zu sehen ist auch eine Möglichkeit den Blick zu schärfen für die Art dieser Idealbilder denen sie da folgen. Dabei soll hier bewusst auf moralische Verurteilung und Abwertung verzichtet werden. Die wachsenden Bauern identifizieren sich mit den Idealbildern des Groß-Seins und des „Effizient-Seins“. Dabei müssen sie in einen Kampf mit den Kollegen eintreten, denn wenn einer einen Stall für 300 Kühe baut, müssen 10 andere mit je 30 Kühen aus der Produktion aussteigen.

Da ich selber diese Motive, dieses System welches diese Bauern da antreibt besser verstehen will, mache ich hier folgende Analyse anhand eines Betriebsbeispiels mit 300 Kühen. Vorher gehen wir jedoch auf die Kreisky Frage ein.

DIE KLUGE BRUNO KREISKY FRAGE

Es war im Jahr 1977. Ich saß mit einer Gruppe von Bauern der Österr. Bergbauernvereinigung bei Bundeskanzler Kreisky in seinem Büro. Kreisky erwartete von uns als praxisnahe Gruppe Vorschläge für konkrete Problemlösungen. Er befasste sich u.a. mit den hohen staatlichen Überschusskosten bei Agrarprodukten, besonders bei der Milch und diese hohen Kosten waren ihm sehr fragwürdig und suspekt. Er sah uns also fragend an und sagte: „Wenn ich die Weststrecke Wien/ Salzburg fahre und die schönen Bauernhöfe sehe, denke ich mir, könnten diese Bauern nicht etwas Gescheiteres machen als Überschüsse zu produzieren“? Daraus entstand dann die Idee der Mengenbeschränkung, konkret Kontigentierung der Milch in Österreich, die ab 1978 eingeführt wurde.

Die Kontigentierung, später Quote, wurde immer wieder unterlaufen

Wer hat den am meisten vor den Exportförderungen profitiert? Nicht die Bauern sondern die Milchindustrie. Die Staatshilfe an die Industrie wird dann Bauernhilfe genannt. Wir erlebten damals diesen politischen Konflikt sehr hautnah: Auf der einen Seite warb die Milchindustrie dafür, mehr Milch zu produzieren. Ihr Spruch lautete: “Bauern produziertes, vermarkten tun wir“. Das ließen sie ihre „Untertanen“, nämlich die Bauernpolitiker verkünden und auf der anderen Seite war der mahnende Kreisky, dem das Steuergeld für die Überschüsse zu schade war und nach dem Sinn der Überschüsse fragte. So fragt ein Politiker, der das Wesen von Politik kennt und politisch handelt, weil er von den Einflüssen der vor- und nachgelagerten Industrie der Landwirtschaft völlig unabhängig war. Er bringt damit eine Rangordnung in die Politik und stellt die gesellschaftliche, volkswirtschaftliche Frage über die Geschäftsinteressen der Milchindustrie. Aber die Mengenbeschränkung wurde im Laufe der 40 Jahre immer wieder unterlaufen und  wo es ging ausgehöhlt.

Das Untertanenproblem und der Missbrauch

Bis heute ist es so selbstverständlich dass wenn die Bauernvertretung  einschließlich dem Landwirtschaftsminister zur Milchkrise öffentlich auftreten, dann erscheinen sie wie Zwillinge gemeinsam mit Molkereivertretern auf der Bühne. Der große Interessenkonflikt zwischen Bauern und Molkereien, also der Milchindustrie wird völlig verleugnet. Sie sprechen dann gemeinsam von der Weltmarktorientierung und vom Export nach China als Lösung. Das ist auch die Linie der EU. Dort werden die Zwillinge zu Drillingen, hier kommen noch die großen Milchproduzenten mit 300 Kühen aufwärts hinzu, die auch für diese Exportlinie mit Abschaffung der Mengenbegrenzung sind.

Die Milchindustrie hat sich mit diesen Großbetrieben verbandelt, sie lenken die gewählten Interessenvertreter der Bauern und Politiker in ihre Richtung, also gegen die Interessen der normalen Milchbauern. Und hier findet, das sag ich als Konfliktforscher, ein Drama statt: Die Interessenvertreter handeln gegen die Interessen ihrer anvertrauten Wähler. Das ist Missbrauch eines Vertrauensverhältnisses. Also: Die Agrarpolitiker sind zum Untertanen dieser neuen Machtelite geworden.

 

1.    DER BEISPIELBETRIEB

Rund 20 Jahre später im Jahr 1995 besuchte ich im Rahmen meiner begonnen Konfliktforschung im Bundesland Brandenburg / Ostdeutschland einen modernen Milchproduzenten mit 300 Kühen mit je 8000 Kg Milchleistung. Das ist eine Jahresmenge von 2,4 Millionen kg/Jahr. Der Milchpreis lag damals bei etwa 55 Pfennige (28 cent).Hochgerechnet sind das 672.000,-Euro Milcherlöse im Jahr.  Der sehr begabte, dynamische, in einer Farm der USA gelernte Jungunternehmer hat als Neueinrichter den Betrieb seines Großvaters, der vor dem zweiten Weltkrieg rund 1000 ha groß war, zur Hälfte wieder übernommen. Gleich nach der Wende hat er als Enkel davon 500 ha zurückgepachtet und einen Teil davon hat er gekauft. Dabei beschäftigte der Enkel des früheren Großgrundbesitzers als neuer Unternehmer neben sich und seiner Frau nur 2,5 Personen, davon ein Mitarbeiter aus Polen. Sein Großvater hatte rund 100 Menschen ganz oder teilweise beschäftigt. Fast alle Leute im kleinen Dorf nebenan waren in diesem Betrieb tätig.

Er betrachtet sich als Biobetrieb

Es ist kein sehr fruchtbarer Boden und dieser steht zum Teil unter Naturschutz mit Bewirtschaftungsauflagen. Dafür bekommt er eine Entschädigung von rund 500 bis 600 DM je ha und er erhält auch die EU-Direktzahlungen pro ha. Er betrachte sich als Biobetrieb, so erfolgt etwa die Gülleausbringung mit modernen Geräten mit Lohnunternehmer, wobei die Gülle so präzise verteilt werde, wie es ein kleinerer Bauer kaum machen könne, sagte er stolz. Außerdem sei der Hektar-Besatz mit unter einer Großvieheinheit je ha sehr niedrig. Aber seine Milch produziert er nur zum Teil aus eigenen Futtergrundlagen, der größere Teil der Futtermittel wird zugekauft. Er betont, er könnte sein Futter billiger zukaufen als mit der Bewirtschaftung seiner Felder.

Das soziale Drama

Zu Zeiten der DDR gab es am Betrieb 35 Beschäftigte mit nur einem Drittel der Produktion, sagte der Milcherzeuger abwertend.  Gleichzeitig sieht er im Dorf nebenan die Miesere von 70 % Arbeitslosen und in der Region rundherum ähnliche Verhältnisse. Das erlebt er als großes Dilemma. Er sagt: „Es sei eine allgemeine Erscheinung und ein Drama in dieser Region, auf der einen Seite gäbe es höchst moderne Betriebe, mit modernster Technik, die ganz wenig Beschäftigung schaffen, auf der anderen Seite gebe es ganz hohe Arbeitslosigkeit mit vielen Depressionen und Gewaltakten“. Zur Auflösung dieser dramatischen Gegensätze weiß der intelligente Milchunternehmer selber keinen Weg. Es regt ihn aber auf dass der Staat diesen Leuten fürs Nichtstun Arbeitslosengeld bezahlt. Die meisten Menschen im Dorf hätten mit seinem Wiederkommen erwartet, dass er sie – so wie sein Großvater früher – wieder im Betrieb einstelle. Er habe sie enttäuschen müssen. Das habe böse Aggressionen ausgelöst, und vor einem Jahr, sagte er, sei bei ihm und bei ähnlichen Kollegen gleich viermal Feuer gelegt worden. Jetzt müsse er den Betrieb mit einem hohen Zaun absperren und schützen.

Seine Meinung zur Agrarpolitik

Seine Meinung zur kleinbäuerlichen Struktur im Westen und Süden Deutschlands ist auch sehr eindeutig: In einigen Jahren würden sich auch dort die größeren Betriebe mit 150 Kühen aufwärts durchsetzen, etwa so ein oder zwei Betriebe je Dorf. Aus falschem Mitleid fördere man derzeit noch kleine Betriebe; das werde aufhören müssen, sagt er und setzt auch eine Grenze nach oben: Ab 500 Kühe wird das Ganze nicht mehr überschaubar. Er beschwert sich über den Hang des Deutschen Bauernverbandes: Dieser „packelt“ mit den früheren Leitern der ganz großen Landw. Betriebsgenossenschaften (LBG) des Ostens, die er als „Rote Socken“ bezeichnet: Es wäre besser, die „Tüchtigen“ mehr zu fördern, sagt er.

 

2.    ANALYSE

Der junge Unternehmer folgt dem Wunsch seiner Mutter, die als Tochter des in der DDR enteigneten, ehemaligen Großgrundbesitzers ihren Sohn zur Wiedererrichtung des verlorenen Gutbetriebes drängt. Sie und ihr Sohn wollen die Kränkung der Enteignung wieder gutmachen. Im geschilderten Beispiel zeigt uns der in den USA ausgebildete Jungunternehmer – er hat also das neoliberale Denken gleich an der Quelle gelernt – wie die neue Denkschule von “sogenannten Zukunftsbetrieben” aussieht. Seiner Begabung und Sensibilität zufolge orientiert er sich an den geltenden Regeln des Fortschritts mit den Merkmalen der Spezialisierung, Effizienzsteigerung mit Optimierung der Arbeitsabläufen, Kostensenkung etc.. Seine moderne Technik in Kooperation mit Lohnunternehmen macht dies möglich. Das politische System mit flächenbezogen Zahlungen tut das Ihre dazu, er erhält große Lieferrechte für Milch und Direktzahlungen für 500 ha.

Fremdkörper in der Region

Er ist mit seiner Art zu Wirtschaften ein Fremdkörper in der Region, muss Schutzzäune machen gegen die aufgebrachten Menschen im Dorf. Er tut nichts für eine integrierte Regionalentwicklung, es gibt keine Kooperation mit dem lokalen Handwerk zur Verarbeitung von Produkten und keinen Bezug zur regionalen Dienstleitung. Solche regionale Wirtschaftskreisläufe für mehr Beschäftigung und Stärkung der Wertschöpfung fehlen völlig. Sehr auffallend ist seine soziale Kälte. Seine Argumentation über arbeitslosen Menschen im Dorf ist glashart. Seine Leitfigur der großgrundbesitzende Großvater beschäftigte mit seinen 1000 ha das ganze Dorf mit 100 Leuten.

Es ist aus der Geschichte der Bauern (Josef Krammer) bekannt dass diese Gutsherren früher vom Staat den Auftrag hatten ihre Untertanen zumindest zu ernähren und eine Unterkunft zu gewähren. Geht also die neue Art moderner Gutsherrn vor nach dem Motto: „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“, indem sie die Produktion von Gütern wie z.B. die Milch – für sich vereinnahmen und dies ohne Beschäftigung durchziehen und die Versorgung der Bevölkerung obliegt dem Staat. Die Wut der Arbeitslosen im Dorf nebenan steigerte sich bis zur Brandlegung, er bezeichnet das selbst als Dilemma. Auf dieses Drama weiß der Unternehmer keine Antwort.

Der Deutsche Bauernverband und die „Roten Socken“

Seine Prognose über die künftige Struktur der Milchbauern mit 150 Kühen aufwärts – die er vor 20 Jahren machte – ist in der Realisierung, es läuft in diese Richtung. Man sollte hier kein falsches Mitleid haben sagt er trocken und eine Frage nach dem Sinn seiner hohen (Über)Produktion, im Sinne der Kreisky Frage ist ihm völlig fremd. Es ist ihm auch suspekt dass sich der Deutsche Bauernverband mit den Leitern der ganz großen LPG – die er „Rote Socken“ nennt – verbandelt und mit diesen kooperiert. Die sollten besser die Tüchtigen unterstützen, sagt er.

Er wollte nicht wahrhaben dass der Bauernverband mit den Roten Socken eine besondere Art von Kooperation einging und daran arbeitete, dass auch die Leiter der LPG zu tüchtigen Großbetrieben werden. Zu ganz Großen. Der Bauernverband, der selber am Ideal des „Großsein“ identifiziert war, nutzte nach der Wende 1989 – aus diesem inneren Antrieb heraus – die Gunst dieser Zeit, um gemeinsam mit Leitern der LPG eine Politik und Leitbild für eine Großbetriebsstrategie für ganz Deutschland zu entwickeln. Seither hat das Wachsen zu Großbetrieben und das Weichen der Kleineren zuerst im Nordwesten Deutschlands und dann auch im Süden und auch in Österreich enorm zugenommen.

In dieser Kooperation zwischen den Beiden ist dann in Verbindung mit dem Ereignis der Einführung der EU-Flächenprämie 1992 eine ganz besondere Interessenslage entstanden. Der ostdeutsche Schriftsteller Michael Beleites schreibt dazu: „Mit der Einführung der flächenbezogenen Direktzahlungen wurden die Großbetriebe mit  1000 bis 3000 ha zum Sieger der Geschichte“. Beleites beobachtete in der weiteren Entwicklung dass sich die Herren der Großbetriebe zu einer abgehobenen, arroganten Klicke entwickelten, die sich außerhalb der Demokratie bewegen. Er schrieb in seinem Buch „Leitbild Schweiz oder Kasachstan“, AbL-Verlag 2012:

„Was sich hier abzeichnet, geht weit über die beschriebenen Gefährdungen der Allgemeinheit hinaus: Hier geht es inzwischen um die Frage, ob die ostdeutsche Agrarpolitik auch eine Gefährdung der staatlichen Ordnung bewirkt. Allmählich zeichnet sich ab, dass hier der gefährliche Trend einer schleichenden Umwandlung unserer freiheitlichen Demokratie in eine plutokratische Olegarchie begonnen hat, die nur noch die Einzelinteressen einer vermögenden Minderheit verfolgt“.

Die Probleme und Konflikte der Wachsenden im Westen

Nicht alle wachsenden Milchbetriebe im Westen und Süden – die nun dem  Ideal des Groß Sein folgen – haben, wie es im Beispielbetrieb der Fall ist, für die Gülle von 300 Kühen 500 ha zur Verfügung. Sie haben dann die bekannten Umweltkonflikte. Dazu kommen die sehr bekannten Probleme wie z. B. die Frage der tiergerechten Haltung, der hohe Antibiotikaeinsatz. Betriebswachstum führt auch zur regionalen Konzentration der intensiven Produktion und damit die Entleerung anderer Regionen. Zudem kommt das Thema Kraftfutterzukauf und Fütterung die weniger bringt als die Schullehre sagt und mit zu viel Kraftfutter wird, wie es Prof. Alfred Haiger in Wien ausdrückt, „die Kuh zur Sau gemacht“. Diese und weitere Probleme sind bekannt.

Aber auch Konflikte im Dorf, werden wie im Beispielsbetrieb sichtbar. Die wachsenden Bauern haben bekanntlich auch im Westen zunehmend Probleme mit der Integration in ihren Dörfern und in ihrer Region. Sie verlieren durch ihr Wachsen auch den Zusammenhalt, die Solidarität mit den anderen Bauern und mit der Bevölkerung und damit auch den gemeinschaftlichen Schutz den diese Solidarität beinhaltet. Die Ursachen liegen im Ausscheidungskampf gegen andere Bauern, und im Verlust eines guten Verhältnisses mit der Bevölkerung wegen Überlastung der Umwelt und die großen Konflikte den Tierschutz betreffend. Und die Wachsenden überlasten sich persönlich, sie haben auch keine Zeit mehr für Gemeinschaft und so manche Kämpfen mit dem Phonemen Burnout oder landen sogar in der Klinik.

Gute Strukturierung und effizient arbeiten ist allgemeingültig

Der begabte Milchunternehmer hat als Enkel des großen Grundbesitzers sicher Teile dieses Macht- und Selbstbewusstseins von seiner Familie geerbt. Dafür hat seine Mutter gesorgt, die als Tochter des Grundbesitzers ein Bindeglied in der Familie zwischen den Generationen war. Solche Familien haben in der Regel ein hohes Bildungsniveau. Der Enkel setzt dieses Potential gezielt ein.

Sehen wir uns an dieser Stelle das Thema der modernen Effizienzsteigerung mit optimaler Strukturierung der Produktion, die zum Credo von Großbetrieben gehören, nochmals differenzierter an. In der Argumentation für den Wachstumstrend werden diese Fähigkeiten der effizierenden Strukturierung einseitig für die wachsenden Zukunftsbetriebe beansprucht. Man spricht in der Argumentation dann gerne abwertend von der „Romantik“ der bäuerlichen Landwirtschaft mit ihrer kleinen Betriebsstruktur, die anscheinend auch schlecht strukturiert sind.

Aber dieses Thema der optimalen, effizienten Strukturierung  ist längst zur allgemeinen, wichtigen Fähigkeit der ganzen Gesellschaft geworden. Diese Fähigkeit ist wesentlich für die Führung jeder Art von Betrieben, ob groß oder klein, sie ist wesentlich für jede Art von Organisation und für jede Person im Privatbereich. Wir wissen im Gegenteil, dass man mit effizient strukturierterer Kooperation bekanntlich auch die Nachteile von kleineren Betrieben wesentlich verringern kann.

Die Faszination, das Idealbild der Großseins

Die Entmachtung und Enteignung seines Großvaters mitsamt der ganzen Familie in der Zeit der DDR -Politik wurde als Verletzung und Demütigung erlebt und sitzt noch tief im psychischen Erleben. Diese Verletzung wird unter anderem sichtbar in seinen abwertenden Aussagen den DDR Bürgern gegenüber und in der Bezeichnung der Führungskräfte als „Rote Socken“. In der missionarischen Form des Zurückeroberns des verlorenen Großbetriebes wird auch sichtbar, dass es hier nicht nur um zurück Gewinnung von Vermögen geht, sondern auch um Rückgewinnung von Prestige und Einfluss.

Auch die bisherigen Großbauern in den Dörfern, die im Verhältnis zu den jetzigen Wachstumsgrößen wieder nur mehr  „Kleine“ sind, waren immer schon Dorfkaiser und haben in der Regel mehr Prestige, mehr Geld mehr Einfluss im Dorf gehabt als der Normalbürger und sie wurden oder werden zugleich gehasst und bewundert. Dies trifft noch stärker auf die einflussreichen „Großen“, egal ob Politiker, Firmenchefs oder Grundherrn zu. Diese Damen und Herrn wissen in der Regel um die dienende Unterwürfigkeit, die Abhängigkeit und um die Hörigkeit bzw. Bewunderung ihrer sogenannten „Untertanen“. Erst diese beiden Ebenen zusammen, der Einfluss aus der Funktion oder Besitz einerseits und die dienende, bewundernde Hörigkeit der Untertanen andererseits, bildet die meistens unbewusste Macht der Mächtigen. Denn Macht beruht nach Bauriedl auf Unbewusstheit.

Jedenfalls größer sein oder werden als andere um damit mehr Besitz, Geld, Prestige und Macht zu bekommen, hatte sowohl in der Geschichte, als auch gegenwärtig immer etwas Faszinierendes in sich. Das gilt für alle Berufe. Gerade auch unter Bauern ist dies eine wesentliche Grundlage der Identifikation mit den Großen und Motiv zum Wachsen. Es spricht aber auch einiges dafür, dass der missionarische Drang nach Wachstum und Prestige bei Bauern und Bauernvertretern, ähnlich wie beim Beispielsbetrieb eine Reaktion auf unbewusste Verletzungen und Demütigungen aus der Geschichte ist. Denn, was nicht verstanden wird, wird wiederholt.

Abschließend zur Analyse ein Gedankenszenario

Ich hörte es so von einem bayrischen Freund: Große Milchbetriebe und die Industrie steuern gemeinsam die Milchpreise und halten sie über längere Zeit auf einem niederen Niveau, ein Niveau in dem sie als Große noch durchkommen. Die Kleineren verlieren dabei den Mut weil sie mit dem Preis draufzahlen und geben auf. Damit wird deren Grund frei für die Größeren für Pacht oder Kauf. Viele Kleinere ist auch der Wert des Grundbesitzes zu wenig bewusst, sie passen zu wenig auf sich  auf und verlieren auch ihren Grund.

 

3.    ICH UND DU, DER SOLIDARISCHE WEG

Alternative zum  Größenwachstum

Es geht vor allem auch darum, dass die Belebung  regionaler Wirtschaftskreisläufe im solidarischen Miteinander der Bauern abläuft. Aus dieser Sicht gibt es nicht zu viele Bauern, den bei einer solchen Belebung der Regionen haben alle nebeneinander Platz und die einzelnen Betriebe können darin kreativ ihre spezifische Aufgabe finden. Dieser Grundsatz grenzt sich stark ab zum derzeitigen Gegeneinander im Kampf des Wachsens und Weichens, z.B. hat sich die IG-Milch für diesen Grundsatz des solidarischen Weges entschieden.

Viele tun sich schwer den altbekannten Begriff „Erwerbskombination“ zu akzeptieren. Ich denke wir müssen diesen Grundbegriff der Erwerbs-Kombination mit neuem Leben füllen und verstehen, dass nur hier der Ausweg zum Wachsen und Weichen drinnen steckt. Es ist nun einmal Tatsache: Die klügsten Erwerbskombinierer kommen in Krisenzeiten (wie in dieser Milchkrise) am besten durch. Das bezeugen auch Forschungsarbeiten der Bundesanstalt für Bergbauernfragen in Wien. Die Kombinierer sind die stabilsten Betriebe und sie ersparen sich das einzelbetriebliche Größenwachstum und sie sind die Alternative dazu.

Mehrfunktionale Betriebe sind sicherer

Diese mehrfunktionalen, erwerbskombinierenden Betriebe sind in die regionalen Wirtschaftskreisläufe eingebunden und beleben maßgeblich die Regionen. Das ist der wesentliche Unterschied zum geschilderten Betriebsbeispiel. Die Bauern  erbringen dort wichtige volkswirtschaftliche Leistungen für die Gesellschaft. Es bedarf einer politischen Anstrengung dass die öffentlichen Gelder der Direktzahlung für die Abgeltung dieser Leistungen eingesetzt werden, an Stelle des Flächenbezuges der die Großbetriebe ohne regionale Integration und Entwicklung begünstigt.

In ihrer Mehrfunktionalität und ihrer Erwerbskombinationen sind die bäuerlichen Betriebe in ihrer Region erfahrungsgemäß in verschieden Kategorien tätig, von der Produktion mehrerer landwirtschaftliche Produkte nebeneinander wie Milch und Getreide, Direktvermarktung, Angebote im Bereich Tourismus, Produkte in Energiebereichen, Kombinationen mit Handwerk Leistungen in Kooperation zwischen Bauern etwa im Maschinenring bei Service-Leistungen für die Gesellschaft sowie nebenberufliche Tätigkeiten,

Aus dieser Sicht der Vielfalt der Erwerbskombination und der Mehrfunktionalität in der Region wird der Faktor Belebung der Region, im Vergleich der gegenteiligen Wirkung des Beispielsbetriebes, direkt sichtbar und spürbar. Wie sonst könnte man auch erklären warum  zum Beispiel bergbäuerliche Betriebe in ungünstigen Hanglagen  in Bezug auf Zukunftsfähigkeit und Krisenbewältigung stabiler sind als vergleichbare Betriebe in Wachstumsgebieten z.B. in Norddeutschland.

 

4. FAZIT: DAS DRAMA AUS PSYCHOLOGISCHER SICHT

Der Inhaber des Beispielsbetriebes folgt dem Wunsch seiner Mutter, die als Tochter des in der DDR enteigneten, ehemaligen Großgrundbesitzers ihren Sohn zur Wiedererrichtung des verlorenen Gutbetriebes drängt. Sie und ihr Sohn wollen die Kränkung der Enteignung wieder gutmachen. Das Prestige Groß zu sein wird zurückerobert. Der auch vom Großsein ergriffene Bauernverband erklärt das Modell des Großbetriebes als Leitbild  und predigt das Wachsen.

Nun folgen gerade begabte, sensible Bauern diesem Ruf nach Wachstum zu einem Großbetrieb. Sie spüren mehr als andere die Bedürfnisse ihrer führenden  Vorbilder, orientieren sich nach diesen und  sind  bereit die Bedürfnisse dieser Vorbilder zu erfüllen(1). Sie verlassen dabei ihre eigentlichen bäuerlichen Wurzeln und verlieren damit die Sicherheit dieser tiefer gewachsen Wurzeln. Sie verlieren u.a. auch die  Solidarität im Dorf und schließlich  ihr Selbst.

(1) Diese Drama Beschreibung ist abgeleitet vom 1979 erschienen Buch der Psychologin Alice Miller mit dem Titel: „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“. Laut Miller besteht das Drama des begabten, das heißt sensiblen, wachen Kindes darin, daß es schon früh Bedürfnisse seiner Eltern spürt, erkennt und sich ihnen anpasst, indem es lernt, seine intensivsten, eigenen Gefühle dabei nicht zu fühlen.

 

Über den Autor:
Der Konfliktforscher Franz Rohrmoser publiziert die  Website “Bauernkonflikte.at”. Er beschäftigt sich mit aktuellen agrarpolitischen Fragen. 1974 war er einer der Mitbegründer der Österreichischen Bergbauernvereinigung und bis 1980 deren Geschäftsführer.

 

1 Antwort to “Das Drama des begabten Milchproduzenten”

  1. Bodo Heusmann sagt:

    Kühe zu halten ist ein lebenslanger Lernprozess, die Kenntnisse über ihre Bedürfnisse entwickeln sich jedes Jahr weiter. Diese Erkenntnisse in die Realität umzusetzen bedeutet zu investieren in Gebäude, Technik und (Fach)- Leute. Gleichzeitiges Betriebswachstum sichert diese Investition ab. Das Resultat ist ein arbeitsteilig wirtschaftender landwirtschaftlicher Betrieb mit geregelten Arbeitszeiten und konkurrenzfähigen Einkommen. Die Konkurrenzfähigkeit ist wichtig, da wir uns in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang bewegen wo sich unsere Mitarbeiter für uns und nicht für den benachbarten (Industrie)-Betrieb entscheiden sollen und unsere gut ausgebildeten Kinder den Hof als Perspektive sehen und nicht eine andere Karriere einschlagen (was kein Drama wäre, soll doch jeder nach seiner Facon glücklich werden).
    Wachstum muss aus meiner Sicht nicht zwingend als wirtschaftlich erzwungene Verschlechterung eines ursprünglich guten Zustandes empfunden werden. Vielmehr gefällt mir die Vorstellung einen Betrieb zu entwickeln der alle Anforderungen der Gesellschaft (Tierwohl, gute Arbeitsplätze, Lebensmittelproduktion,Energieproduktion, Landschaftspflege,Naturschutz, Ausbildung) bearbeitet und harmonisiert.
    Wir sind nicht willenlose Opfer des derzeitigen Veränderungsprozesses, wir können und werden ihn gestalten. Das schließt im übrigen die regionale und internationale Vermarktung unserer Milch über unsere bauerneigene und demokratisch bauerngeführte Genossenschaftsmolkerei mit ein.
    Ein weiterer Aspekt des Betriebswachstums ist die Perspektive der Kollegen die ihren Betrieb aufgeben: sie gleiten nicht in die Armut ab, im Gegenteil verbessern sich ihre persönlichen Lebensumstände in Bezug auf Einkommen und Arbeitsbelastung häufig deutlich. Die Entscheidung, wer ihre Flächen übernimmt, liegt bei ihnen und Sympathie spielt dabei durchaus eine Rolle womit wir bei dem Punkt der Einbettung in die Nachbarschaft wären ohne die gar nichts geht.
    Also wo liegen bei genauerer Betrachtung eigentlich die Probleme?

    Sehr geehrte Frau Liebrich, das würde ich als leidenschaftlicher SZ-Leser und Tierhalter gerne mal ausführlich mit Ihnen diskutieren.

    Mit freundlichen Grüßen
    Bodo Heusmann

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