Die Keule – Antibiotika in der Tierhaltung

Antibiotika in der Tierhaltung sind eine Gefahr für die Menschheit. Die Bundesregierung und Politiker aller Parteien haben sich an dem Thema bereits versucht, aber  nur halbherzig.  Die Erfahrung hat auch gezeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Tierhalter nichts bringen. An schärferen Gesetzen führt kein Weg vorbei.

 

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Viele Tiere auf engstem Raum: Krankheitserreger können sich hier schnell verbreiten. Ohne Medikamente ist diese Form der Tierhaltung kaum möglich. Besonders hoch ist der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, wie ein Studie aus NRW zeigt. Foto: sia

 

Studien über Lebensmittel sind meist nicht besonders appetitanregend. Das trifft auch auf eine neue Untersuchung aus Nordrhein-Westfalen zu, die den Einsatz von Antibiotika in der Putenhaltung untersucht hat. Demnach werden neun von zehn Tieren während ihrer kurzen Lebenszeit mit diesen Medikamenten behandelt, teilweise sogar mehrmals oder mit diversen Wirkstoffen gleichzeitig. Selbst nicht zugelassene Substanzen befinden sich darunter. Damit erreicht der Missbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung eine neue Dimension. Auch in der Hühner- und Schweinehaltung ist das Problem bekannt, es erreicht aber nicht das Ausmaß wie in der Putenmast.

Dass die Antibiotika-Keule in deutschen Ställen viel zu häufig eingesetzt wird, ist seit Jahren bekannt. Die Bundesregierung und Politiker aller Parteien haben sich an dem Thema bereits versucht, aber sie taten es nur halbherzig. Arzneimittelgesetze wurden verschärft und eine Datenbank eingerichtet, die den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung genau erfassen soll. Im Kampf gegen den Missbrauch ist das der erste Schritt. Das reicht aber keinesfalls aus, um den Verbrauch der Medikamente drastisch zu senken. Genau das wäre aber notwendig: Der Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin ist doppelt so hoch wie in der Humanmedizin.

Der hohe Antibiotika-Einsatz lässt sich nur mit schärferen Gesetzen senken

Der Gebrauch der Arzneien in der Tierhaltung gilt als eine der Ursachen für das Entstehen gefährlicher Keime, gegen die keine Antibiotika mehr helfen. Ställe, in denen die Medikamente exzessiv zum Einsatz kommen, werden zu einem Trainingslager für diese sogenannten multiresistenten Erreger, die vor allem für kranke und ältere Menschen ein gefährliches Risiko sind.

Wie lebensbedrohlich das fatale System der Massentierhaltung ist, zeigen die Schätzungen der EU. Sie geht davon aus, dass jedes Jahr allein in Europa 25 000 Menschen sterben, weil Antibiotika bei ihnen im Krankheitsfall nicht mehr anschlagen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt Alarm, sie sieht die Menschheit auf ein Zeitalter zusteuern, in dem sie ohne diese wichtige Gruppe von Medikamenten auskommen muss.

Dabei ist es noch kein Jahrhundert her, dass Antibiotika allgemein verfügbar sind. Seitdem hat sich die Lebenserwartung der Menschen deutlich erhöht. Diesen Fortschritt aufs Spiel zu setzen, nur um riesige Mengen an billigem Fleisch zu produzieren, wäre verantwortungslos.

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Falsch wäre es sicher auch, die Massentierhaltung allein für die Misere verantwortlich zu machen. Die mangelnde Hygiene in Krankenhäusern ist ein weiterer Grund für das Auftreten gefährlicher Keime. Hinzu kommt, dass Ärzte ihren Patienten zu viel und oft unnötig ein Antibiotikum verschreiben. Entscheidend ist aber, dass die Mittel hier eingesetzt werden, um kranken Menschen zu helfen und Leben zu retten.

In der Tierhaltung sind die Motive ganz andere, hier geht es um Kostendruck und Gewinnmaximierung. Geflügelfleisch ist billig und bei vielen Verbrauchern gefragt. Doch jeder Quadratzentimeter Platz im Stall kostet die Mäster Geld, jeder einzelne Tag, den ein Tier gefüttert werden muss, ebenfalls. Durchrationalisierte Mastanlagen sind keine Wohlfühloasen. Die Bedingungen sind für die meisten Tiere eine Tortur, die sie nur dank Antibiotika bis zur Schlachtung durchstehen. Schon ein krankes Tier in der Herde kann ausreichen, um alle anderen prophylaktisch zu behandeln. In der Geflügelbranche ist das Usus. Antibiotika sind damit wichtige Betriebsmittel.

Die Putenhaltung ist ein besonders krasses Beispiel für die Enge in Ställen. Anders als bei Schweinen und Hühnern gibt es hier kaum Regeln. Zusammengepfercht auf engstem Raum, werden die Tiere in 110 bis 150 Tagen auf Schlachtgewicht gemästet. Die Mäster haben selbst festgelegt, dass für sechs Puten ein Quadratmeter im Stall ausreichend sei. Aber selbst diese freiwillige Obergrenze hat ein Fünftel aller Halter in der NRW-Studie noch überschritten.

Diese Erfahrung zeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Mäster nichts taugen. Wenn sich etwas ändern soll, müssen Bund und Länder klare Regeln aufstellen, in Form von schärferen Gesetzen. Sie müssen bereit sein, sich mit Tierhaltern anzulegen und Verbrauchern klar zu machen, dass Fleischgenuss und Tierschutz ihren Preis haben. Wirklich schwierig ist das nicht, wenn man nur will.

Veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung am 27. November 2014

Link zur Studie

 

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