Die Pro-Palmöl-Strategie von Ferrero ist riskant

Die Lebensmittelindustrie hat lange versucht, die Gefahren von Zucker kleinzureden. Ähnliches versucht Ferrero nun mit Palmöl. Der Nutella-Hersteller begibt sich damit auf schwieriges Terrain. Das Vertrauen der Verbraucher könnte auf dem Spiel stehen.

Schokosoe

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Was tun, wenn die wichtige Zutat Palmöl einen wichtigen Top-Seller wie Nutella in Misskredit bringt? Frankreichs Umweltministerin Ségolène Royal ging im vergangenen Jahr sogar soweit, einen Nutella-Boykott zu fordern, weil der Anbau von Ölpalmen den Regenwald zerstöre. Die Lebensmittelindustrie hat in dem Fall nicht viele Möglichkeiten. Entweder sie verzichtet auf den umstrittenen Rohstoff und ändert entsprechend die Rezeptur, oder sie entkräftet die Vorwürfe. Der italienische Nutella-Produzent Ferrero hat sich mit seiner Pro-Palmöl-Kampagne für letzteres entschieden – eine heikle Strategie, die durchaus Risiken birgt.

Solche Kampagnen sind nicht neu in der Ernährungsbranche. Eines der bekanntesten Beispiele ist Zucker. Der macht bekanntlich dick und krank, wenn man zu viel davon isst. Trotzdem haben viele Lebensmittelhersteller ihre Produkte über die Jahre immer stärker gesüßt. Der Rohstoff Zucker ist billig und ein Geschmacksverstärker. Das Kalkül dahinter: Was lecker schmeckt, verkauft sich auch gut.

Der wachsenden Kritik an der Überzuckerung begegnete die Branche über Jahrzehnte hinweg mit Studien, die belegen sollten, dass das mit dem Zucker doch gar nicht so schlimm sei. Inzwischen hat sich gezeigt, dass viele dieser angeblich unabhängigen wissenschaftlichen Studien von der Industrie finanziert waren, etwa vom US-Brause-Hersteller Coca-Cola. Was bleibt, ist ein erheblicher Imageschaden.

Auch Ferrero begibt sich mit seiner Pro-Palmöl-Kampagne auf schwieriges Terrain. Zwar hat selbst die Umweltorganisation WWF vor kurzem in einer Untersuchung festgestellt, dass ein gänzlicher Verzicht oder gar ein Verbot auf Palmöl keine Lösung sei. Daran, dass der steigende Verbrauch ein ernsthaftes Problem für das Klima und die Artenvielfalt sind, ließ sie jedoch keinen Zweifel. Schätzungen zufolge werden weltweit auf mehr als 17 Millionen Hektar pro Jahr etwa 60 Millionen Tonne Palmöl erzeugt, Tendenz steigend. Die Schwierigkeit ist, dass Ölpalmen nur im Tropenklima gedeihen. Sie wachsen vor allem in Südostasien, oft dort, wo noch vor kurzem ein üppiger Regenwald wucherte, der viel CO₂ gebunden hat, das durch die wachsenden Plantagen freigesetzt wird.

Immer mehr Hersteller verzichten auf den umstrittenen Rohstoff

An diesem grundsätzlichen Problem ändert auch die von Ferrero betonte Zertifizierung nichts, die belegen soll, dass das genutzte Öl nachhaltig produziert wird. Hinzu kommt: Wenn diese Strategie für Ferrero aufgehen soll, darf sich das Unternehmen keine Fehler leisten. Sollte sich die Palmöl-Zertifizierung als Mogelpackung herausstellen, wäre das ein Schlag für die Marke, die nicht nur in Deutschland großes Vertrauen bei Verbrauchern genießt.

Immer mehr Hersteller entscheiden sich deshalb für den anderen Weg und verzichten lieber auf Palmöl. Aber auch das ist kompliziert, denn es genügt oft nicht, die Rezeptur zu ändern, auch Produktionsprozesse müssen angepasst werden. Palmöl ist nicht nur äußerst vielseitig einsetzbar, sondern auch relativ günstig. Den Rohstoff findet man deshalb nicht nur in Schokolade, Pizza oder Eiskrem. Auch in Kosmetika, Waschmittel oder als Biodiesel wird er eingesetzt. Trotzdem steigen immer mehr Hersteller aus. Sie haben festgestellt, dass sich mit Produkten ohne Palmöl gut verdienen lässt.

Italien ringt ums Palmöl: Während viele Nahrungsmittelhersteller den umstrittenen Rohstoff aus ihren Produkten verbannt haben, wirbt der Süßwaren-Konzern Ferrero nun offensiv dafür. Der Nudelhersteller Barilla hält dagegen. Weiterlesen….

 

Veröffentlicht am 15. November  in der Süddeutschen Zeitung

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