Fleisch kennzeichnen wie Eier? Das geht, wenn man will

Lidl macht einen wegweisenden Vorstoß: Der Discounter kennzeichnet von April an auch Fleisch je nach Qualitätsstufe. Vorbild dafür ist die Kennzeichnung von Eiern. Das hat Vorbildcharakter, die Politik sollte daraus ein Gesetz machen. Nur so lassen sich die Zustände in den Ställen wirklich verbessern.

Küken

Niedlich, aber ein Bild, das von der Realität in Ställen weit entfernt ist. Foto: fotolia.com

Der Coup ist Lidl gelungen. Mit einem einfachen System für die Kennzeichnung von Fleisch wagt der Discounter einen Vorstoß, der über bisherige Initiativen für eine artgerechtere Tierhaltung hinausgeht. Bereits ab April soll nur noch Frischfleisch verkauft werden, das entsprechend einem Vier-Stufen-Modell gekennzeichnet ist, ähnlich wie bei Eiern. Damit setzt das Unternehmen um, was sich viele Verbraucher wünschen: mehr Transparenz an der Fleischtheke. Genau die ist notwendig, um zu erkennen, unter welchen Bedingungen das geschlachtete Schwein, Rind oder Huhn gehalten wurde. Bilder von kranken und verletzten Tieren in Ställen haben viele Konsumenten aufgeschreckt.

Bislang ist jedoch meist der Preis das einzig erkennbare Vergleichsmerkmal beim Einkauf. Konsumenten sollte man daher keinen Vorwurf machen, wenn sie sich daran orientieren. Unter welchen Bedingungen das Schlachttier aufgewachsen ist, darüber sagt das Preisetikett wenig aus. Teuer bedeutet nicht automatisch gut, billig nicht unbedingt schlecht. Glaubt man Umfragen, wären 90 Prozent der Verbraucher bereit, mehr Geld für Steaks und Braten auszugeben, wenn die Tiere dafür artgerechter gehalten werden.

Ein guter Ansatz, auch wenn es sicher das Eine oder Andere noch zu verbessern gibt

Das Besondere an der Lidl-Initiative ist, dass sie leicht verständlich ist und Verbrauchern wichtige Informationen an die Hand gibt. Informationen, die sie brauchen, um ehrlich zu entscheiden, wie viel sie für ein Mehr an Tierschutz bereit sind auszugeben. Ob sie Fleisch aus einer Haltung wollen, die nur gesetzliche Mindeststandards erfüllt oder in drei weiteren Stufen einschließlich Bio darüber hinausgeht. Dieser Ansatz ist ein großer Schritt nach vorn in Sachen Tierschutz und Transparenz. Ganz egal, ob es nun im Detail noch das eine oder andere zu verbessern gibt.

Bei allen Vorschusslorbeeren, die der Discounter nun bei Verbraucher-, Umwelt und Tierschützern für die Initiative einheimst, sicher ist auch: Ein Alleingang von Lidl wird nichts ausrichten. Ziehen andere Handelsketten und die Politik nicht mit, wird das Ganze ein netter Versuch bleiben, der vermutlich bald eingestellt wird. Das wäre dann ein herber Rückschlag.

Auf lange Sicht kann das Lidl-Projekt eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht nicht ersetzen. Was bei Eiern längst funktioniert, könnte auch bei Fleisch gelingen. Hier hat Deutschland sogar EU-weite Regeln durchgesetzt. Mit dem Ergebnis, dass Eier aus besonders umstrittener Käfighaltung hierzulande aus dem Frischei-Verkauf verschwunden sind. Und es gibt Bemühungen, dies auch auf industriell hergestellte Lebensmittel auszuweiten. All dies mit dem Ergebnis, dass die Käfighaltung insgesamt deutlich zurückgegangen ist. Die Kennzeichnungspflicht hat zu einem Umdenken bei Legehennenhaltern und zu einem Wandel in Ställen geführt.

Freiwillige Initiativen haben zu wenig Wirkung, ohne gesetzlichen Vorschriften funktioniert Tierschutz nicht

Von gesetzlichen Vorgaben könnten auch Fleischerzeuger profitieren. Bauern stehen unter Kostendruck, der auch vom Handel ausgeht. Fast drei Viertel der deutschen Fleischwaren werden über Discounter oder Supermärkte verkauft. Einheitliche transparente Regeln mit verschiedenen Qualitätsstufen könnten ihnen helfen, sich aus diesem starren Korsett zu befreien. Belohnt würden diejenigen, die es besser machen, weil sie für ihre Tiere höhere Preise erzielen können. Schlechte Halter verschwinden vom Markt.

Moderne Ferkelerzeugung, Ferkel saugen am Gesuge der Muttersau

Moderne Ferkelhaltung. Foto: fotolia.com

Freiwillige Vereinbarungen allein werden das Problem nicht lösen, das zeigen die vielen Versuche, die Handel, Bauern und Fleischindustrie gestartet haben. So unterstützt die Initiative Tierwohl engagierte Viehhalter zwar finanziell, doch es fehlen verlässliche Informationen im Laden für Verbraucher. Hinzu kommen zahlreiche Einzelinitiativen verschiedener Handelsketten, zum Beispiel gegen das Abschneiden von Ringelschwänzen bei Ferkeln, die unter dem Strich jedoch mehr Verwirrung als echten Nutzen für die Verbraucher stiften.

Auch dem von der Politik anvisierten Tierwohllabel, das nach dem Plan von SPD und CDU Ende 2019 starten soll, mangelt es am echten Verbesserungswillen. Die Standards sind so niedrig angesetzt, dass sie kaum über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen – eine staatliche Mogelpackung. Die 70 Millionen Euro Fördermittel, die dazu dienen sollen, das Label zu etablieren, sind schlecht investiert. Aufgabe des Staates darf es nicht sein, dabei zu helfen, große Mengen an Fleisch in den Markt zu drücken. Aufgabe der Bundesregierung muss es sein, den Umgang mit Tieren und Fleisch in vernünftige Bahnen zu lenken. Und das bedeutet vor allem eines: weniger ist besser – für Tiere, Menschen und Umwelt.

 

Veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung am 5. Februar 2018

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