Gentechnik: Politik der verbrannten Erde

Gentech-Firmen haben in Europa die Zulassung der umstrittenen Maissorte 1507 gegen massive Widerstände erstritten, auch mit Hilfe der Politik. Ein Sieg für die Branche ist das trotzdem nicht, sie schadet sich damit nur selbst. Gentechnikkonzerne haben sich viel zu lange nicht um die Ängste der Verbraucher geschert, das rächt sich. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Ein Kommentar

Das unerwünschte Korn: Die meisten Europäer lehnen gentechnisch veränderten Mais ab.   Foto: fotolia

Das unerwünschte Korn: Die meisten Europäer lehnen gentechnisch-veränderten Mais ab. Foto: Trueffelpix/Fotolia.com

Am Ende ist es gekommen wie erwartet: Weil sich wenige EU-Länder, darunter Deutschland, um ein klares Nein gedrückt haben, darf die umstrittene Genmaissorte 1507 vermutlich bald in Europa angebaut werden. Die Eigner des Patents, die Firmen Pioneer und Dow Agroscience, haben sich die Freigabe auch vor Gericht erstritten, gegen massive Widerstände. Es gilt als sicher, dass die EU-Kommission die Sorte freigibt, obwohl mehr als drei Viertel der Europäer Gentechnik auf Tellern und Äckern ablehnen. Eine andere Wahl bleibt der europäischen Regierung kaum. Der EU-Gerichtshof hatte im September 2013 festgestellt, die EU-Kommission habe dem Unternehmen eine Zulassung für den Anbau in Europa zu Unrecht verweigert.

Ein Sieg für die Gentechnik-Lobby ist die Zulassung der Maissorte vermutlich trotzdem nicht. Die beiden Firmen haben sich und Konkurrenten wie Monsanto, Bayer, BASF und Syngenta einen Bärendienst erwiesen. Und auch Kanzlerin Angela Merkel tut sich keinen großen Gefallen, wenn sie die Bedenken der meisten Deutschen einfach ignoriert. Der Widerstand gegen die ungeliebte Schöpfung wird so nur noch größer und eine sachliche Diskussion über Chancen und Risiken der grünen Gentechnik immer schwieriger.

Will die Branche mit Pflanzen aus dem Gentech-Labor Erfolg haben, brauch sie aber genau das: eine offene Diskussion über den Nutzen und die durchaus vorhandenen Risiken der Technologie. Stattdessen betreiben Agrarkonzerne seit vielen Jahren eine Geschäftspolitik der verbrannten Erde. Wichtigste Marketinginstrumente sind dabei Anwälte, die ihren Produkten notfalls mit juristischen Mitteln Marktzugang verschaffen und Lobbyisten, die bei Politikern Schützenhilfe einfordern sollen.

Sträflich vernachlässigt hat die Branche dagegen ihre wichtigste  Klientel, die Verbraucher. Also diejenigen, die ihre Erzeugnisse essen sollen. Die Agrarindustrie muss sich vorwerfen lassen, dass sie nie ausdauernd und ehrlich um dieses Vertrauen geworben hat.  Sie hat es versäumt, die Vor- und Nachteile einer neuen Pflanzengeneration verständlich zu machen, bei der völlig artfremde Gene in das Erbgut von Pflanzen wie Mais oder Baumwolle eingeschleust werden. Bei vielen Menschen weckt diese Methode Ängste. Sie befürchten langfristige Risiken, nicht nur für ihre Gesundheit, sondern auch für die Umwelt. Doch diese Sorgen werden von der Industrie bis heute nicht ernst genommen, sondern als das Werk übereifriger Aktivisten abgetan – Ende der Debatte.

Vor allem US-Marktführer Monsanto hat sich lange nicht darum geschert, was Verbraucher wollen, und das rächt sich. Zwar kündigte das Unternehmen im vergangenen Sommer an, es respektiere, dass die meisten Europäer Gentechnik ablehnen und man werde sich damit aus Europa zurückziehen. Die Realität sieht freilich anders aus. In Brüssel warten nach wie vor Gentech-Pflanzen der Firma auf  ihre Zulassung in der EU. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus.

Nicht nachvollziehbar ist zudem die Hartnäckigkeit, mit der sich die Agrarindustrie gegen eine Kennzeichnung von gentechnisch-veränderten Lebensmitteln sträubt. In Europa ist das weniger ein Thema – hier sind solche Produkte nicht erlaubt,  abgesehen von wenigen Ausnahmen. Nicht so in den USA und anderen Ländern. Aber auch dort wollen immer mehr Bürger frei entscheiden, was sie essen und was nicht. Das können sie aber nicht, weil eine Kennzeichnung fehlt. Im vergangenen Jahr gab die Gentechnik-Lobby allein 17 Millionen Dollar für eine Kampagne im US-Bundesstaat Washington aus, um ein entsprechendes Gesetz abzuschmettern. Mit Erfolg. Ein Volksentscheid für eine Kennzeichnung scheiterte knapp wie zuvor schon in Kalifornien. Damit ist der Fall nicht erledigt. Abstimmungen in anderen US-Bundesstaaten stehen bevor.

Nur keine Transparenz: Anders als in Europa müssen Hersteller in den USA bislang keinen Gentechnik-Hinweis auf ihre Verpackungen drucken. Damit das so bleibt, geben Unternehmen wie Nestlé, Monsanto, Bayer und BASF Millionen aus. weiterlesen…

Warum aber fürchten die Hersteller von Gentech-Pflanzen eine deutliche Kennzeichnung von Lebensmitteln? Auf diese Frage kann es eigentlich nur zwei Antworten geben: Entweder sie glauben selbst nicht so recht an die Unbedenklichkeit  ihrer Produkte, oder sie scheuen den offenen Wettbewerb ihrer Erzeugnisse mit konventionellen. Schenkt man den Beteuerungen der Hersteller Glauben, dann geht von gentechnisch veränderten Lebensmitteln keine Gefahr für die Gesundheit aus. So gesehen gäbe es also keinen Grund, eine Kennzeichnung abzulehnen. Das Argument, eine Kennzeichnung sei zu teuer, ist fadenscheinig. Vielmehr sorgen sich die  Konzerne wohl ums Geschäft. Möglicherweise lässt sich mit ahnungslosen Verbrauchern ja mehr Geld verdienen als mit mündigen Bürgern. Doch die wollen sich diese Entmündigung nicht länger gefallen lassen.

Wenn Agrarkonzerne versprechen, dass sie mit Hilfe der Gentechnik die Welt ernähren wollen, klingt das in den Ohren vieler Verbraucher inzwischen mehr wie eine Drohung. Gentechnisch verändertes Saatgut bringt keine nennenswert höheren Ernteerträge als konventionelles, das zeigen Studien. Was steigt, ist dagegen der Bedarf an Pestiziden bei den Landwirten. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Methode der Gentechnik versagt hat, sondern dass sie falsch eingesetzt wird. Herstellern dient sie vor allem dazu Umsätze und Gewinne zu steigern. Drei Viertel aller Gentech-Pflanzen-Patente weltweit befinden sich im Besitz von nur einer Handvoll Firmen. Sie liefern auch die passenden Spritzmittel. Gentechnik ist für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung aber nur dann von Nutzen, wenn Pflanzen so gezüchtet werden, dass möglichst wenig oder gar keine Pestizide zum Einsatz kommen. Leistungsfähige Nahrungspflanzen müssen dem Klimawandel standhalten, mehr Nährwert liefern und für die Menschen bezahlbar bleiben.

Die umstrittene Maissorte Nummer 1507 erfüllt  die meisten dieser Kriterien nicht. Fraglich ist auch, ob die Pflanze jemals im großen Stil in Europa angebaut wird. Schon jetzt werden Anbauverbote in einzelnen EU-Ländern diskutiert, auch in Deutschland. Der Fall macht wieder einmal deutlich, dass sich Gentechnik auf dem Acker nicht mit juristischer Gewalt und politischem Druck durchsetzen lässt. Agrarkonzerne müssen endlich lernen, dass gentechnisch-veränderte Pflanzen in Europa nur eine Chance haben, wenn das Produkt stimmt und Verbraucher auch davon überzeugt sind. Die Beweislast dafür tragen die Hersteller – und nicht die Konsumenten. Ernährung ist eine Sache des Vertrauens, und wer die Welt mit Lebensmitteln versorgen will, übernimmt eine große Verantwortung. Es ist an der Zeit, dass sich die Branche dieser Verantwortung stellt.

Veröffentlicht am 16. Februar 2014 auf sofies-verkehrte-welt.de

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