Hilfe, bloß keine Krause auf dem Kopf!

Schmerzen, Hungern, Streit mit dem Ehemann. Das nehmen kongolesische Frauen gerne in Kauf, um ihr krauses Haar los zu werden. Stimmt die Frisur, stimmt das Leben, sagen viele. Doch nun formiert sich Widerstand.

Im Friseursalon in Goma geben manche einen ganzen Monatslohn aus. Foto: JR

Im Friseursalon in Goma geben manche einen ganzen Monatslohn aus. Foto: JR

Das Radio spielt Rumba. Frauen lachen. Sie wetteifern um die letzten freien Plätze im Friseursalon La Fidélité in der kongolesischen Millionenstadt Goma. Es ist Wochenende, Zeit für neue Haare.

Das ist wörtlich zu nehmen. Denn viele Kongolesinnen verstecken ihre natürliche Krause unter künstlichen Strähnen.

Eine von ihnen ist Gisèle Bagheni. Die 24 Jahre alte Journalistin lässt 50 lange Zöpfe aus Kunstfasern in ihre Haare flechten. Vier Stunden lang hält sie ihren Kopf dafür hin. Umgerechnet 36 Euro gibt sie aus – ihren gesamten Monatslohn.

Die Frisur verlangt aber nicht nur finanzielle Opfer. Sie bereitet auch Schmerzen. „Die Zöpfe sind so stramm, dass es weh tut, wenn man im Bett liegt. Es ist, als ob jemand an den Haaren reißt“, erzählt Bagheni. Zwei Nächte wird sie nicht schlafen können. Dann sitzen die Zöpfe lockerer, die Pein lässt nach. Bagheni wird die kostbare Frisur ein Vierteljahr lang hüten. In dieser Zeit wäscht sie den Kopf nicht, weil die Kunstzöpfe zerfleddern würden. Aus Erfahrung weiß sie, dass die Haut juckt unter den Plastiksträhnen. Manchmal kratzt sie, bis es blutet.

„Wir akzeptieren uns nicht, wie wir sind“.

Weshalb die junge Frau sich das antut? „Meine krausen Haare sind hässlich und unordentlich. Ich will schön und ordentlich aussehen“, erklärt Bagheni. Ähnliche Ansichten teilen Millionen Afrikanerinnen auf der ganzen Welt. Egal, ob sie in Europa, Asien, Amerika oder in ihrer Heimat leben, sie wollen ihren krausen Schopf um jeden Preis verstecken. Aline Murairi, Star-Friseurin in Goma, behauptet gar, Afrikanerinnen müssten Kunsthaar tragen. Denn ihr starres Kraushaar könnten sie nur unter körperlichen Qualen kämmen.

„Wir akzeptieren uns nicht, wie wir sind. Wir träumen von Haaren, wie sie weiße Frauen haben, lange, weiche Haare, die im Wind wehen“, erzählt die kongolesische Grundschullehrerin Sarah Mutesi. Solche Haare kennen die Frauen in Afrika aus dem Fernsehen und dem Internet. Von Filmen, Fotos und Werbespots also, die meistens Regisseure und PR-Menschen aus westlichen Ländern produziert haben.

Gisèle Bagheni ist stolz auf ihre 50 Zöpfe aus Kunsthaar. Foto: JR

Gisèle Bagheni ist stolz auf ihre 50 Zöpfe aus Kunsthaar. Foto: JR

Die Sehnsucht nach langen Haaren treibt schwarze Frauen zu Kunstzöpfen, Perücken und zu chemischen Mitteln. Viele von ihnen schmieren aggressive Substanzen auf die Haare und ziehen sie anschließend mit einem heißen Eisen in die Länge. Ob das der Gesundheit schadet, ist umstritten. Darüber tobt eine ähnliche Diskussion wie über die chemischen Mittel, mit denen Frauen in Europa und Amerika ihre Haare färben.

Gefahr für die Gesundheit

Fakt ist, dass das Mittel zum Glätten der Haare auf der Haut brennt und die Haare abbrechen, wenn der Friseur zu viel aufträgt oder es zu lange einwirken lässt. Solche Unfälle passieren oft in armen Ländern Afrikas. Dort behandeln Freundinnen und Nachbarinnen gegenseitig ihre Haare, weil das Geld für den professionellen Coiffeur fehlt.

Aber auch in Europa oder Amerika wenden Frauen die chemischen Mittel bisweilen unsachgemäß an. Manche Politiker beschwören bereits eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit herauf. Sie fordern, Mädchen müssten über potenzielle Risiken des chemischen Haare-Glättens aufgeklärt werden. Denn Teenager ausländischer Herkunft fühlen sich oft unter Druck, ihr Äußeres möglichst dem westlichen Muster anzupassen. Sie fürchten, weiße Freunde, Lehrer oder Chefs würden sie sonst ausgrenzen.

Schon kleine Kinder denken bisweilen, etwas stimme nicht mit ihnen. Die drei Jahre alte Tochter des afro-amerikanischen Komikers Chris Rock fragte ihn einst: „Papa, warum habe ich keine guten Haare?“ Daraufhin hat er den Dokumentarfilm Good Hair produziert. Er spießt die Sehnsucht schwarzer Frauen nach glatten Haaren auf und zeigt, wie die Schönheitsindustrie davon profitiert.

In manchen afrikanischen Ländern liefern sich Frauen einen regelrechten Wettbewerb um die Länge der Haare. Wer die längste Pracht trägt, ist die Schönste. Dafür geben sie den letzten Cent aus. Im Kongo etwa, einem der ärmsten Länder der Welt, hungern sie lieber, als auf schickes Aussehen zu verzichten. Sie provozieren Streit in der Familie um die knappe Haushaltskasse. Sie beknien Lehrer, damit sie das Schulgeld für die Kinder später bezahlen dürfen. Alles nur, um ihr Kraushaar zu verbergen.

Das Geheimniss von Michelle Obama

Joseph Nzanbandora Ndi Mubanzi, Professor für Soziologie an der Universität Goma, ärgert sich darüber: „Wir rennen lieber Frisuren hinterher, als unser Land zu entwickeln“. In der kongolesischen Gesellschaft, bei Frauen und Männern gleichermaßen, zähle all zu oft nur der schöne Schein. „Wir wollen zeigen, dass wir mehr haben als der andere. Das zeugt von einem Minderwertigkeitskomplex, den man überspielen will“, urteilt der Wissenschaftler.

Doch Afrika steht nicht allein in dieser Debatte. Auch im Westen lösen Frisuren schwarzer Frauen Diskussionen aus, allen voran jene der amerikanischen Noch-Präsidentengattin Michelle Obama. „Es ist traurig, dass sie ihr Haar nicht natürlich trägt“, bedauert eine Bloggerin auf grandmotherafrica.com. Die First Lady verleugne ihre Wurzeln, weil sie lange Haare trage, schimpfen andere.

Die Kritik wurde derart laut, dass sich Obamas Friseur Jonny Wright zu Wort meldete. Die Präsidentengattin benutze keine chemischen Mittel zum Haare-Glätten, ließ er wissen. Sie trage lediglich nach dem Waschen Spülung auf und binde die Haare streng zu einem Pferdeschwanz zusammen während des Trocknens.

Natürlich und glücklich

Sarah Mutesi ist jetzt natürlich glücklich. Foto: JR

Sarah Mutesi ist jetzt natürlich glücklich. Foto: JR

Langes Haar, fremdes Vorbild, davon haben mehr und mehr afrikanische Frauen jetzt aber genug. In vielen Ländern formieren sie sich zu einer Gegenbewegung. Sie lassen Kunsthaar und Chemie fallen, tragen ihre natürlichen Locken. Sie veranstalten Wettbewerbe unter Friseuren, bei denen nur Frisuren mit Naturhaar erlaubt sind. Und vor allem: Sie klären Mädchen auf, dass ihr Haar völlig in Ordnung ist. „Nappy“ nennen sich diese Frauen in den USA, natural and happy.

Lehrerin Sarah Mutesi in Goma hat davon gehört. Es hat ihren ganzen Mut gefordert, ihre natürlichen Haare zu zeigen. Inzwischen bindet sie ihre Locken zum Pferdeschwanz. Sie spart Zeit und Geld, sie fühlt sich schön und stark. Und sie ist jetzt stolz auf sich.

Judith Raupp

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