„Ich will nicht nach Europa“

Die kongolesische Aktivistin Rebecca Kabugho grollt jenen, die in Europa ein bessere Leben suchen. „Wir müssen unser Land aufbauen“, sagt sie. Doch das ist hart. Immer wieder landet sie im Gefängnis.

Der Anruf kommt immer in der Nacht. „Höre auf, oder verlasse das Land. Sonst garantieren wir für nichts“, droht die Stimme. Doch Rebecca Kabugho macht weiter.

Die Psychologiestudentin sitzt auf einer wackligen Bank vor der Universität in Goma, Ostkongo. Sie lächelt. Aber wenn sie spricht, sprudelt die Wut: „Es kann doch nicht falsch sein, Wasser und Strom für die Bevölkerung zu fordern!“ Seit drei Jahren gehört Kabugho der Jugendbewegung „Kampf für den Wandel“ an. Die Aktivisten wollen ein Leben ohne Willkür und Korruption, Arbeit, Essen und ein würdiges Zuhause.

Rebecca Kabugho kämpft im Kongo für Menschenrechte. Foto: JR

Rebecca Kabugho kämpft im Kongo für Menschenrechte. Foto: JR

Vor allem aber hätten sie sich gewünscht, dass Staatspräsident Josef Kabila am 19. Dezember die Macht abgegeben hätte. An dem Tag war seine Amtszeit zu Ende. Eigentlich hätten die Kongolesen längst wählen sollen. Aber die Abstimmung ist bis auf weiteres verschoben. Der Ärger darüber treibt Kabugho und andere Demonstranten immer wieder auf die Straße. Oft sterben Menschen, weil Polizisten scharf schießen und Kriminelle die Gunst der Stunde nutzen, um alte Rechnungen zu begleichen.

Mit Gewalt aufgewachsen

Kabugho lebt mit den Drohungen, so gut es geht: „Ich fürchte mich. Aber ich will auch ein besseres Leben“. Die 23-Jährige ist mit Gewalt aufgewachsen. Seit sie denken kann, töten und vergewaltigen Milizen in ihrer Heimat, im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Selbst die weltweit größte Friedenstruppe der Vereinten Nationen kann die Bevölkerung nicht beschützen.

Aber das Land verlassen? „Niemals“, schreit Kabugho. Sie streitet mit einem Kommilitonen. Er würde sofort nach Europa abhauen, wenn er könnte. Lieber einer von Hunderttausenden Flüchtlingen sein, als im Kongo krepieren. Kabugho braust auf: „Wie ist Europa reich geworden? Die haben gekämpft. Unser Europa ist hier. Wir müssen es nur aufbauen.“ Kabugho schwärmt von Bodenschätzen, von den Berggorilla und dem Kivusee: „Wir könnten alles haben, Tourismus, Wohlstand, Frieden“.

Der Weg dorthin ist aber mühsam. Das hat Kabugho in einer Nacht im Februar gemerkt: Die kongolesische Fußballnationalmannschaft hat gerade die Afrikameisterschaft geholt. Die Studentin und ihre Kameraden schreiben auf ein Transparent: „Wir haben den Pokal gewonnen, wir werden auch die Demokratie gewinnen“, eine Anspielung auf die Präsidentenwahl.

Lektüre im Gefängnis: die Bibel

Die Farbe auf dem Transparent ist noch feucht, als Polizisten die Wohnung stürmen. Sie verhaften Kabugho und ihre fünf Freunde. Später, im Gerichtsaal reichen die Holzbänke nicht. Freunde, Familie, Diplomaten drängeln Schulter an Schulter. Die Luft steht. Die Richter lassen auf sich warten, eine gefühlte Ewigkeit.

Kabugho sitzt im blauen Gefangenen-Overall in der ersten Reihe. Sie wirkt nach innen gekehrt. Das Urteil geht an ihr vorbei. Die Richter sehen im Transparent eine Aufstachlung zur Revolte. Sechs Monate ohne Bewährung.

Im Gefängnis liest die junge Frau die Bibel. Sie ist meist allein. Ihre Freunde sitzen im Männertrakt ein. Einer ist Elektriker. Er repariert die Leitungen. So haben die Männer Licht, wenn der Strom gerade mal fließt. Kabugho fragt, ob er die Leitungen bei den Frauen ebenfalls herrichten dürfe. Sie bekommt nie eine Antwort.

Die Studentin schläft neben Betrügerinnen und Mörderinnen. Es geht rau zu. Manchmal hat sie Angst. Wenn Besucher kommen, lacht sie die schwachen Momente weg: „Man muss seine Lage akzeptieren“. Frei reden kann sie nicht. Diplomaten und Journalisten darf sie nur im Büro des Gefängnisleiters treffen. Sein Stellvertreter lauscht dem Gespräch.

Fast jeden Tag bringen Freunde Essen oder Medizin ins Gefängnis – und Zuversicht. Reden über eine gerechte Welt macht Kabugho Mut. Sie fühlt sich aufgehoben im Schoss der Jugendbewegung. Sie gewinnt eine neue Familie, während das Nest aus Kindertagen bröckelt. Die Mutter versteht, dass junge Menschen im Kongo eine Zukunft wollen. Aber muss ausgerechnet die eigene Tochter dafür ihr Leben riskieren?

Kabughos neue Familie will alles anders machen als die Generation der Eltern. Keiner soll als Chef kommandieren, niemand soll für Geld die Ideale verraten, und sei er noch so arm. Sie wollen sich vertrauen in einer Welt, wo das Vertrauen in die Menschheit schon lange verloren ging. Zu den eingeschworenen Freunden in Goma stoßen 1000 Aktivisten in anderen Städten und zahllose Sympathisanten.

Der Nachwuchs in der Familie bringt aber nicht nur Gutes. Mischen sich Spitzel unter die Neuen? Wie soll die Bewegung mit einer Stimme sprechen, wenn niemand führt? Wer entscheidet, mit wem der „Kampf für den Wandel“ kooperiert, von wem Spenden willkommen sind? Darüber tobt nun ein Streit unter den Aktivisten.

In einem jedoch sind sie sich einig. Kabugho und ihre Kollegen lehnen Gewalt mit Waffen ab. Sie verehren Nelson Mandela und Mahatma Gandhi. Amnesty International hat die Aktivisten unlängst für ihr friedliches Engagement ausgezeichnet.

Auch die Wärter sind Menschen

Andere Jugendliche im Kongo überfallen aus Frust Fußgänger, verprügeln Unschuldige. Kabugho begegnet allen höflich. Im Gefängnis gewinnt sie viele Herzen. Sogar Mörderinnen vertrauen sich ihr an. Die angehende Psychologin spürt die verletzten Seelen, als Frauen erzählen, weshalb sie ihre Männer erstachen. Zuvor wurden sie geschlagen und missbraucht.

Auch die Wärter sind für Kabugho in erster Linie Menschen. Sind sie doch auch Väter von Kindern ohne Perspektive. Jetzt, wo die Aktivistin wieder frei ist, geht sie mit manchen Wächtern einen trinken. „Wir wollen eine faire Chance“, erklärt sie das Ziel der Jugendbewegung. Die Männer verstehen. Sie hören ihr zu, obwohl sie eine Frau ist. Eine Frau, die Hosen trägt und ihre Meinung sagt, das sind im Kongo noch nicht alle gewöhnt.

Letztens, als Kabugho an der bröckeligen Mauer entlang zum Gefängnis lief, hat ein Aufpasser sie in den Arm genommen und gefragt: „Rebecca, alles ok?“ Aber ok ist nichts. Nach Demonstrationen muss sie oft Mitstreiter im Gefängnis besuchen. Kürzlich war sie selbst wieder für eine Woche eingesperrt.

Aufgeben wird sie aber nie. Sie lebt für eine Vision. „Vielleicht ernte ich nie die Früchte, vielleicht werde ich getötet“, sagt sie. „Aber irgendwann wird mein Volk in Freiheit leben, und sei es in 50 oder 100 Jahren“.

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