Das Unmögliche möglich machen

Sie arbeiten im Chaos, verdienen kaum Geld und führen ein Leben in ständiger Gefahr. Journalisten im Osten der Demokratischen Republik Kongo lassen sich trotzdem nicht unterkriegen. Die Mitarbeiter von Radio Tayna arbeiten hart, um die Menschen in der Region nach einem jahrelangen Bürgerkrieg mit verlässlichen Informationen zu versorgen. Ein Bericht über den langen und steinigen Weg zur Meinungsfreiheit.

Totalausfall. Katastrophe. So beschreiben Journalisten ihre eigene Arbeit. „Wir schaffen es nicht, die Kontrollfunktion als vierte Macht im Staat wahrzunehmen“, sagt Jacques Kakule, Chef des Bürgerradios Tayna in der Provinzhauptstadt Goma.

Wesentlicher Faktor für das Versagen der Medien ist die ökonomische Not. Die Mehrheit der Journalisten ist bestechlich. Schon für ein paar Dollar schreiben sie allen, die bezahlen, nach dem Mund. Sie verachten sich selbst dafür. Aber sie sehen keine Alternative. Bestechungsgeld ist Ersatz für das Gehalt, weil viele Medienunternehmen ihr Personal nicht bezahlen können. Rundfunkgebühren existieren im Kongo nicht.

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Und nach 20 Jahren politischem Chaos und immer wieder aufflammenden Kämpfen zwischen Milizen, Banditen und Armee gibt es kaum Firmen, die Werbung schalten könnten.

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Redaktionskonferenz: Eine Journalistin schreibt den Text für die Nachrichtensendung auf Papier. Die anderen besprechen eine Sendung, die am Frauentag laufen soll. Der Chef hat alles im Blick.

Die vier Journalistinnen und ihre acht Kollegen bei Radio Tayna arbeiten seit vier Jahren ohne Lohn. In der Redaktionskonferenz knurren die Mägen bisweilen vor Hunger um die Wette. Die Redakteure verzichten auf Essen, damit sie ihren Kindern einen Krapfen für 10 Cent kaufen können. Um Miete, Schulgeld und Medizin zu bezahlen, sind die Journalisten auf Almosen der Verwandten und auf Nebengeschäfte angewiesen. Manche verkaufen Limonade, andere helfen im Kopierladen aus.

Seit drei Monaten arbeitet das Tayna-Team aber am Projekt Zukunft. Mit einer gemeinschaftlichen Spende der Schweizer Architekturzeitschrift „Hochparterre“ und der deutschen Organisation „Journalisten helfen Journalisten“ hat das Radio ein Internetcafé gegründet. Wenn es gut läuft, sollen die Journalisten mit den Einnahmen bezahlt werden. Und vielleicht reicht das Geld später sogar für professionelle Recherchen.

Im Moment sieht es da noch düster aus. Manchmal laufen die Journalisten eine Stunde lang zu Fuß durch Staub und Hitze zu einem Interview und wieder zurück, weil selbst die 50 Cent für den Minibus nicht aufzutreiben sind. Ihre Texte schreiben die Redakteure mangels Computer auf Papier. Die Aufnahmegeräte funktionieren so schlecht, dass die Interviews kaum zu verstehen sind. Die Redaktion im Kellergeschoss ist eng, hat keine Fenster, die Luft ist stickig. In Deutschland würde das Gewölbe bestenfalls als Abstellkammer benutzt.

Das Internetcafé mit seinen sechs Computern befindet sich in einem Hinterhof in einem anderen Stadtteil. Dort gibt es Tageslicht, aber nicht immer Strom. Einen großen Teil der Einnahmen frisst das Benzin für den Generator auf. Sparen ist daher angesagt für eine Solaranlage und für weitere Computer, damit der Umsatz steigt. Das bedeutet aber auch, dass die Redakteure zunächst weiterhin auf ein Gehalt verzichten müssen.

All das wäre eigentlich schon genug des Elends. Aber hinzu kommt die Angst. Angst vor dem Geheimdienst, Angst vor den Milizen, Angst vor Kriminellen jeder Couleur.

Tayna-Chef Kakule etwa muss mit ständigen Drohanrufen leben. Der Vater von vier Kindern weiß nicht immer, wer gerade hinter den Angriffen steckt. Es könnte beinahe jeder sein.

Die kongolesische Verfassung garantiert zwar Meinungsfreiheit auf dem Papier. Wer die Mächtigen aber reizt, bekommt Ärger. Reporter ohne Grenzen platziert den Kongo auf der Liste der Pressefreiheit auf Rang 151 von 180, acht Plätze schlechter als im vergangenen Jahr.

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Die Redakteure von Radio Tayna haben mit Spenden ein Internet-Café in Goma eingerichtet. Es soll Einnahmen bringen, mit denen etwa Recherchen finanziert werden können. Stromausfälle machen den Jungunternehmern zu schaffen.

Der Rückwärtstrend rührt unter anderem daher, dass im Ostkongo gerade wieder einmal eine Rebellion zu Ende gegangen ist. Eine Reporterin kam während des Krieges gegen die berüchtigte Miliz M 23 im Kugelhagel ums Leben. Vor kurzem starb ein Journalist in einem Hinterhalt einer anderen Miliz. Zwei Kollegen wurden bei dem Überfall schwer verletzt.

Trotz allem machen die jungen Redakteure von Radio Tayna weiter. Inzwischen produzieren sie sogar jeden Monat eine Musiksendung für das deutsche Radio Multicult auf Französisch und auf Kiswahili. Der schiere Wille treibt das Team an, statt Brot schlucken sie ihre Angst hinunter. Es soll schließlich besser werden in ihrer kongolesischen Heimat. Wenn nicht heute, dann irgendwann.

taynaRadia Tayna auf Facebook: facebook.com/rad.tayna
Email-Kontakt: radiocomtayna@yahoo.fr

 

Veröffentlicht am 9. März 2014 auf sofies-verkehrte-welt.de

Judith Raupp arbeitet für die Freie Universität der Länder der Großen Seen in Goma und bildet Journalisten im Ostkongo aus. Zuvor war sie mehr als 20 Jahre lang Redakteurin und Korrespondentin für die Süddeutsche Zeitung, die Badische Zeitung sowie für die Schweizer Medien Cash und Basler Zeitung.

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