Transition Towns: Die Revolution von unten

Sie essen, was keiner
mehr will, betreiben Gemüsegärten
auf Industriebrachen und wollen
am liebsten ohne Erdöl auskommen.
Mitglieder der Transition-Town-Bewegung
glauben an eine fairere Wirtschaft.

Frank Braun hat einen Schnitt gemacht. Der frühere Siemens-Manager ist vor einem halben Jahr ausgestiegen, endgültig, nachdem er sich in mehr als zwei Jahrzehnten beim Technologieriesen bis in die Chefetage hochgearbeitet hat. Er hat gut verdient. „Aber meine Zeit habe ich in Aufgaben investiert, mit denen ich mich immer weniger identifizieren konnte,“ sagt der Endvierziger und Vater von zwei Kindern. Heute ist er Geschäftsführer der Nürnberger Tafel, die Essen an Bedürftige verteilt – und ein glücklicher Mensch, wie er sagt.

Urban Gardening in Nürnberg: Die Bürgerinitiative Bluepingu hat eine Parkplatz in einen Garten verwandelt. Foto: sia

Urban Gardening in Nürnberg: Die Bürgerinitiative Bluepingu hat eine Parkplatz in einen Garten verwandelt. Foto: sia

Anstatt an neuen IT-Lösungen zu tüfteln, steht er Ende Dezember auf einem tristen, verlassenen Parkplatz in Nürnberg, inmitten von Kisten voller Erde und magerem Grünzeug, das in der Winterkälte müde die Blätter hängen lässt. Absperrzäune aus Metall blockieren die Einfahrt. Dort, wo früher die Beschäftigten des pleitegegangenen Quelle-Konzerns ihre Autos abgestellt haben, wächst jetzt eine neue und – wie er glaubt – bessere Zukunft: Nürnbergs erster Stadtgarten. Ein Urban-Gardening-Projekt, wie sie sich inzwischen überall in Deutschland ausbreiten. Bewohner bauen mitten in der Stadt Kräuter, Obst und Gemüsen an, für- und miteinander.

Ohne den Einsatz Brauns würde es den Garten nicht geben. Er ist Mitgründer und Vorstand der Nürnberger Bürgerinitiative Bluepingu, die sich für einen ökologischen, nachhaltigen Lebensstil einsetzt. Die Initiative ist Teil der sogenannten Transition-Town-Bewegung, die ihren Ursprung in der britischen Kleinstadt Totnes hat. 2006 beschlossen deren Einwohner das bis dahin Undenkbare: Sie wollten unabhängig werden vom Erdöl, jenem Rohstoff, von dem die ganze Welt abhängig ist. Und das bedeutet auch den Abschied vom Wachstum – eine Idee, angestoßen durch den britischen Wissenschaftler und Umweltaktivisten Rob Hopkins, dem Gründer der Bewegung.

Wie Hopkins denken inzwischen viele. Transition-Town-Initiativen gibt es in über 40 Ländern, mehr als 100 davon in Deutschland, unter anderem in Münster, Bielefeld, Göttingen und Nürnberg. Auch der frühere Siemens-Mann Braun ist überzeugt: „Wir müssen akzeptieren, dass die Reserven dieser Erde begrenzt sind und das hat Konsequenzen, für uns alle“. Deshalb engagiert er sich und fängt noch einmal von vorn an.

Lebensmittel teilen statt wegwerfen. Das ist die Idee hinter foodsharing.de. Foto: sia

Lebensmittel teilen statt wegwerfen. Das ist die Idee hinter foodsharing.de. Foto: sia

Hier auf einer 3500 Quadratmeter großen Asphaltfläche soll sie beginnen, die sanfte Revolution von unten. „Jeder, der mag, darf mitmachen, Geld verlangen wir nicht“, sagt Braun. Den Parkplatz hat er dem Quelle-Insolvenzverwalter vor drei Jahren abgerungen. Das kleine Gewächshaus und andere Utensilien stammen von Spendern. Dass sie im Sommer kiloweise Gemüse geerntet haben, ist kaum zu glauben. Doch Braun zeigt Fotos einer blühenden Stadtlandschaft, in der zufrieden aussehende Menschen Kaffee und Kuchen austeilen. Und das in einer Gegend, die vom Niedergang geprägt ist. Das Versandhaus war einer der größten Arbeitgeber der Region.

Der Wandel hat viele Gesichter

Ein paar Kilometer entfernt, in der Nürnberger Südstadt, sitzt René Petsch mit Gleichgesinnten an einem Küchentisch. Es ist eine Gegend,in der die meisten knapp bei Kasse sind. „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“, steht auf dem Plakat an der Wand. Der Raum nebenan ist bis auf einen Tisch leergeräumt, darauf stehen zwei Kisten mit Salat, Gurken, Trauben und anderen Lebensmitteln. „Eigentlich ist das hier Müll“, sagt der 50-Jährige – aussortiert von den Lebensmittelgeschäften in der Umgebung, weil die Ware nicht mehr ganz so frisch oder das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. „Manches wird auch von

Nachbarn abgegeben, die in den Urlaub fahren und zu viel eingekauft haben“, erzählt er. Selbst essen will Petsch die Lebensmittel nicht. Er verteilt sie an diejenigen, die sie brauchen können, ehrenamtlich und kostenlos. Organisiert wird der Austausch über die Internetplattform foodsharing.de. Gegründet wurde sie vom Filmemacher Valentin Thurn („Taste the Waste“ – Schmeck den Müll). Ziel der Initiative ist es, Privatpersonen, Händlern und Produzenten die Möglichkeit zu geben, überschüssige Lebensmittel kostenlos anzubieten oder abzuholen. Mehr als 240 Städte in Deutschland beteiligen sich. „Es geht nicht darum, Almosen zu verteilen, sondern vor allem um einen respektvollen Umgang mit Lebensmitteln“, sagt Petsch. Allein in Deutschland werden jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Auch in den Unternehmen findet ein Umdenken statt.

Rainer Klemenz gehört zu denen, die anders, besser wirtschaften wollen. Der 47-Jährige ist Chef von RK Textil, einem kleinen Betrieb, der unter anderem Sport- und Arbeitskleidung bedruckt und bestickt. Jahrelang hat er sich darüber geärgert, wie achtlos in der Bekleidungsindustrie giftige Stoffe eingesetzt und Arbeitskräfte in Billiglohnländern ausgebeutet werden. „Ich wollte einfach nicht mehr mitmachen“, sagt Klemenz. Seinen Betrieb hat er komplett auf eine ökologische und faire Produktionsweise umgestellt.

„Leicht war das nicht“, sagt er. Erst nach mehreren Anläufen gelang es ihm, an Druckfarbe zu kommen, die frei von giftigen Chemikalien war. Auch bei den Abnehmern war die Skepsis groß. „Meine Ware darf nicht teurer sein als die konventioneller Hersteller und die Qualität muss absolut überzeugend sein“, sagt Klemenz. Er hat bewiesen, dass das geht. Sein Betrieb mit zehn Mitarbeitern wächst langsam und ist profitabel.

Wie Klemenz denken auch 20 andere Unternehmer, die sich zur Bioinnung Nürnberg zusammengeschlossen haben. Es ist einer der ersten Wirtschaftsverbände in Deutschland, der sich ökologisches und faires Wirtschaften auf die Fahnen geschrieben hat. Für den Transition-Town-Anhänger Braun sind dies Schritte in die richtige Richtung. „Die Veränderung muss von unten kommen“, sagt er. Seinen Ausstieg bei Siemens habe er keinen Tag bereut. „Ich habe lange geglaubt, dass sich das System eines Großkonzerns von innen reformieren lässt. Aber das war eine Illusion.“

Erschienen 2. Januar 2014 in der Süddeutschen Zeitung

Links:
foodsharing.de
bluebingu.de
transition-initiativen.de

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