So wird bei regionalen Produkten getrickst

Beim Einkauf achten viele Kunden darauf, ob die Produkte aus der Umgebung stammen – und verlassen sich auf Angaben im Supermarkt. Die allerdings halten oft nicht, was sie versprechen.

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2 Kilogramm Tomaten essen die Deutschen pro Kopf und Jahr. Das sagt die Statistik. Gemüse aus der Region ist bei Verbrauchern besonders gefragt. Beim Einkauf achten viele Kunden darauf, ob die Produkte aus der Umgebung stammen – und verlassen sich auf Angaben im Supermarkt. Die allerdings halten oft nicht, was sie versprechen. Foto: sia

Lebensmittel aus der Region sind bei Verbrauchern inzwischen genauso gefragt wie Bioware. Manch einer ist davon überzeugt, dass die Kartoffeln vom Bauer um die Ecke besser schmecken als die aus Spanien oder Italien. Ein Apfel vom Bodensee macht außerdem ein besseres Gewissen als ein weit gereister aus Neuseeland. Stellt man Käufer vor die Wahl, dann würden 86 Prozent das heimische Obst bevorzugen. Das stellte die Unternehmensberatung AT Kearney in einer Umfrage fest.

Unbestritten ist: Regional einkaufen liegt im Trend. Immer mehr Konsumenten wollen mit ihrer Kaufentscheidung nicht nur die Erzeuger in der eigenen Umgebung unterstützen. Sie wollen auch wissen, woher ihre Nahrungsmittel kommen – und sind bereit, dafür ein bisschen mehr auszugeben. Der Lebensmittelhandel hat sich darauf inzwischen eingestellt. Das Angebot an Produkten mit regionalem Charakter in den Supermärkten wächst stetig.

Da fällt es schwer, beim Einkauf den Durchblick zu behalten. Was bei Obst und Gemüse noch relativ einfach anmutet, kann bei verarbeiteten Produkten mit mehreren Zutaten zum Problem werden. Doch wie können Käufer sicher gehen, dass etwa die Wurst oder die Kekse, die angeblich aus der Region stammen, halten, was Hersteller und Handel versprechen? Die ernüchternde Antwort von Verbraucherschützern: in vielen Fällen gar nicht.

„Die fast beliebige Verwendung des Begriffs ‚regional‘ ist ein großes Ärgernis“, sagt Ingmar Streese vom staatlichen Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin(VZBV). „Wir fordern, dass der Begriff gesetzlich definiert und geschützt wird, um dem Wirrwarr von Versprechen und Siegeln in diesem Bereich Einhalt zu gebieten.“ Streese fordert Mindeststandards, sonst könnten Hersteller und Händler den Begriff beliebig einsetzen. „Aus Sicht von Verbrauchern ist das ein unhaltbarer Zustand“, meint er.

Das Problem: Ein amtliches Prüfsiegel wie bei Bioprodukten, für das klare Regeln gelten, fehlt für Regionalprodukte. Jeder Hersteller oder Händler kann sich also seine eigene Definition basteln. Kein Wunder also, dass die Zahl der Zeichen, die Produkten einen regionalen Touch verleihen, in die Hunderte geht. Sie heißen „Von Hier“, „SooNahe“, „Regionalbuffet“ oder „Qualität – direkt vom Hof“, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Viele dieser lokalen Initiativen verlangen von den Herstellern, die solche Logos nutzen, dass bestimmte Kriterien eingehalten werden. Die können jedoch höchst unterschiedlich ausfallen. So manches Kennzeichen erweist sich bei näherer Betrachtung auch einfach als Mogelpackung. Wie viele regionale Zeichen insgesamt im Umlauf sind, weiß selbst beim Bundesverband der Verbraucherzentralen niemand.

Verbraucherschützer fordern klare Regeln

Die Grenzen zwischen reinen Werbeversprechen und transparenten Herstellerangaben verlaufen oft fließend. Das zeigt auch ein Testeinkauf der SZ in einem Supermarkt bei München, den die Berliner Verbraucherschützer angeschaut haben.

Negativ fiel ihnen dabei zum Beispiel eine Packung Nudeln aus Oberschwaben auf, mit dem Logo „Markenqualität Baden-Württemberg“ und einem Siegel, das eine kontrollierte Herkunft der Eier verspricht. Das muss nicht viel heißen, stellen die Verbraucherschützer fest, wenn wie in diesem Fall die Angaben zur Herkunft der wichtigsten Hauptzutaten Weizen und Eier auf der Verpackung fehlen. Dafür betont der Hersteller, „für unsere Nudelherstellung nutzen wir die Energie aus heimischer natürlicher Wasserkraft“. Irreführend im juristischen Sinne ist das nach Ansicht der Verbraucherschützer zwar nicht. Fragwürdig sei das Vorgehen aber trotzdem, „weil mit den spontanen Assoziationen der Konsumenten gespielt wird“. Die könnten annehmen, dass die wichtigsten Zutaten aus der Region kämen, und nicht nur die Energie.

Ein paar Regale weiter wird Kaffee aus Indonesien mit dem Zeichen „Qualität aus Bayern“ angepriesen. Ein Logo, das die Verbraucherschützer als reine Werbung identifizieren. „Im Internet findet man nichts zu dieser Auslobung, es ist also vermutlich kein richtiges Siegel, sondern Ausdruck des Marketings des Handelsunternehmens“, stellen sie fest. Der Supermarktbetreiber sagt dazu, man wolle mit dem Logo kleinere mittelständische Betriebe aus der Region unterstützen. „Selbstverständlich kommen nicht alle Rohprodukte direkt aus Bayern, sie werden jedoch hier verarbeitet“, heißt es weiter.

Ärgerlich bei dem Beispiel ist aus Sicht des bayerischen Ernährungsministeriums, dass das für den Kaffee genutzte Zeichen an jenes geschützte Siegel erinnert, das der Freistaat Bayern initiiert hat. Nur wer genau hinschaut, sieht den Unterschied. Auch solche Tricks können erlaubt sein. Ein Verstoß läge hier wohl nicht vor, betont ein Sprecher des Ministeriums.

Regional ist das neue Bio: Lebensmittel aus der Region sind ein  lohnendes Geschäft für den Lebensmittelhandel.  Klare Definitionen, was regional sein darf und was nicht, existieren nicht. Der Markt ist deshalb für Verbraucher völlig undurchsichtig. Allgemein gültig Regeln sind überfällig. weiterlesen….

So mancher Kunde könnte sich bei diesen vermeintlich regionalen Produkten getäuscht fühlen, kritisieren Verbraucherschützer. Auch Lena Blanken von der unabhängigen Verbraucherorganisation Foodwatch sieht das kritisch: „Die Zutaten für solche Produkte können aus aller Welt kommen – die Werbung mit regionaler Herkunft ist dennoch völlig legal.“

Die Bundesregierung hat das Problem erkannt. Mit dem vor drei Jahren eingeführten Kennzeichen „Regionalfenster“ – ein blau unterlegtes, viereckiges Logo – will sie mehr Transparenz erreichen. Es ist bisher das einzige, bundesweit anerkannte Regionalsiegel, allerdings auf freiwilliger Basis und nicht gesetzlich geschützt wie das EU-Biosiegel. Träger der Initiative ist die Lebensmittelbranche. Hersteller, die das Logo nutzen wollen, müssen sich zertifizieren lassen und unter anderem nachweisen, dass die Hauptzutat ihres Produkts zu hundert Prozent aus einer genau definierten Region kommt. Inzwischen haben sich nach Auskunft des Trägervereins 600 Lizenznehmer registrieren lassen, 3500 Produkte tragen das Logo.

Verbraucherschützer Streese will sich damit nicht zufriedengeben. „Das Regionalfenster ist ein Anfang. Aber es ist eine Minimallösung, weil die Beteiligung für Unternehmen freiwillig und die Kriterien lax sind“, sagt er. Es sei Sache des Bundes und der EU, den Begriff „regional“ verbindlich zu definieren. Foodwatch schließt sich der Forderung an.

Der Handel sträubt sich gegen klare Regeln

Im Handel hält man davon wenig. Was genau regional sei, lasse sich kaum einheitlich festlegen, meint Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Schon allein, weil die Erzeugerstrukturen von Nord nach Süd und von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich seien. Während für den einen die Karotte aus einem Umkreis von 30 Kilometern regional sei, zögen andere die Grenze bei 100Kilometern. Für Böttcher gibt es zu viele schwierige Fragen. Wie etwa die, ob Saatgut und Futtermittel auch aus dem Umfeld stammen müssen, ganz abgesehen von Zusatzstoffen und Gewürzen. Streese kontert: „Nur weil es kompliziert erscheint, den Begriff zu definieren, ist das noch kein Grund, das Thema überhaupt nicht anzugehen.“

Der Markt ist so unübersichtlich, dass auch keine Umsätze erfasst werden können
Weil der Markt bei regionalen Produkten so unübersichtlich ist, wagt derzeit auch niemand in der Branche eine Umsatzschätzung. Zum Vergleich: Der Umsatz mit Biolebensmitteln liegt in Deutschland bei knapp neun Milliarden Euro, das macht etwas mehr als vier Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes aus.

Fest steht, dass der Bereich Regionalprodukte wächst und für den Handel eine wichtige Größe ist. „Unseren regionalen Produkten kommt eine ebenso wichtige Bedeutung zu wie dem Biosegment“, heißt es bei Aldi Süd. Der Discounter macht seinen Lieferanten eigene Vorschriften. Bei verarbeiteten Produkten muss unter anderem der Anteil regionaler Zutaten bei mindestens 75 Prozent liegen. Konkurrent Rewe verweist darauf, dass seine Regionalprodukte „in der Regel aus einem Umkreis von 50 Kilometer“ stammen sollen. Der Händler unterscheidet zudem zwischen lokalen und regionalen Produkten. Dieses Durcheinander sei für Konsumenten kaum nachvollziehbar, meint Lena Blanken von Foodwatch. Deshalb seien Herkunftsangaben der Zutaten auf der Verpackung so wichtig. Nur dann könne sich jeder beim Einkauf selbst ein Bild machen.

Veröffentlicht am 1. April 2016 in der Süddeutschen Zeitung

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