Monsanto, der unheimliche Konzern

Im globalen Kampf um die Gentechnik setzt der US-Konzern Monsanto auf zweifelhafte Methoden, seltsame Helfer – und die Macht Washingtons. Kritiker des Konzerns fühlen sich ausgespäht. Die Amerikaner spionieren mithilfe ihrer Geheimdienste nicht nur Regierungen, Behörden und Privatpersonen in der ganzen Welt aus. Sondern sie verstehen es auch, die Interessen ihrer Konzerne mit aller Macht in der Welt durchzusetzen.

 

Pflanzen aus dem Gentechniklabor

Pflanzen aus dem Gentechniklabor: Forscher verändern die DNA von Pflanzen, doch der Nutzen ist umstritten. Foto: sia

 

Der US-Konzern Monsanto ist ein Riese im Agrobusiness – und die Nummer eins auf dem Gebiet der umstrittenen grünen Gentechnik. Für seine Gegner, von denen viele in Europa leben, ist Monsanto ein unheimlicher Feind. Und es passieren immer wieder rätselhafte Dinge, die den Feind noch unheimlicher erscheinen lassen.

Im vorigen Monat wollten die europäische Umwelt-Organisation „Friends of the Earth“ und der Bund für Umwelt & Naturschutz Deutschland (BUND) eine Studie über das Pestizid Glyphosat im menschlichen Körper vorstellen. Glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel sind der Renner bei Monsanto. Mehr als zwei Milliarden Dollar Umsatz erzielt das Unternehmen allein mit dem Mittel Roundup. Die „Roundup-Herbizide“, betont Monsanto, hätten eine „lange Geschichte der sicheren Verwendung in mehr als 100 Ländern“.

Es gibt aber auch Untersuchungen, dass das Mittel womöglich Pflanzen und Tiere schädigt, und die neue Studie zeigt, dass mittlerweile viele Großstädter das Ackergift im Körper haben, ohne davon zu wissen. Was das Spritzmittel im Organismus genau auslösen kann, ist, wie so vieles in diesem Bereich, sehr umstritten.Zwei Tage vor der Veröffentlichung der Studie in 18 Ländern legt ein Virus den Computer des Hauptorganisators Adrian Bepp lahm. Die Absage von Pressekonferenzen in Wien, Brüssel und Berlin droht. „Es kam Panik auf“, erinnert sich Heike Moldenhauer vom BUND. Die Umweltaktivsten geraten unter extremen Zeitdruck.

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Moldenhauer und ihre Kollegen haben viel über die Motive und die Identität des rätselhaften Angreifers spekuliert. Die Gentech-Expertin beim BUND glaubt, den unbekannten Virus-Lieferanten sei es vor allem darum gegangen, „Verwirrung zu stiften“. Nichts ist schlimmer für eine Studie als eine abgesagte Pressekonferenz: „Da haben wir uns schon gefragt, ob wir Gespenster sehen“, sagt Moldenhauer.

Es gibt keinerlei Hinweis, dass Monsanto das Gespenst war und irgendetwas mit dem Virus zu tun hatte. Das Unternehmen macht so etwas nicht. Es legt Wert darauf, „verantwortungsvoll“ zu operieren: „Heutzutage ist es sehr leicht, Behauptungen jedweder Art aufzustellen und zu verbreiten“, teilt Monsanto mit. So würden „auch immer wieder unseriöse und populistische Behauptungen verbreitet, die unsere Arbeit und unsere Produkte verunglimpfen und jeglicher Wissenschaft entbehren“.

Die Kritiker des Konzerns sehen das anders. Das hängt auch mit dem dichten Netz zusammen, das Monsanto weltweit geknüpft hat. Knoten sind bei US-Geheimdiensten, beim US-Militär, bei sehr robust operierenden privaten Sicherheitsfirmen und natürlich auch in der US-Regierung.

Auffällig viele Monsanto-Kritiker berichten über regelmäßige Angriffe von professionell operierenden Hackern. Auch Geheimdienste und Militär verpflichten gern Hacker und Programmierer. Diese sind darauf spezialisiert, Trojaner und Viren zu entwickeln, um in fremde Rechnernetze eindringen zu können. Der Whistleblower Edward Snowden hat auf den Zusammenhang von Aktionen der Nachrichtendienste und dem Treiben der Wirtschaft hingewiesen. Diese unheimliche Verbindung ist aber angesichts der anderen Ungeheuerlichkeiten untergegangen.

Einige der mächtigen Unterstützer von Monsanto verstehen eine ganze Menge davon, wie man Cyberwar, also Krieg im Internet, führt. „Stell dir das Internet als Waffe vor, die auf dem Tisch liegt. Entweder du nimmst sie oder dein Konkurrent tut es, aber jemand wird dabei getötet“, hat schon Jay Byrne gesagt, der einst Chef der Public Relation bei Monsanto war.

Häufig kämpfen Konzerne mit zweifelhaften Methoden um das, was sie für ihr Recht und für richtig halten. Aber Freund oder Feind, der oder ich – das ist Kriegssprache. Und im Krieg braucht man Verbündete. Am besten Profis. Solche aus dem Geheimdienst-Milieu zum Beispiel.

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Bekannt sind Kontakte Monsantos zu dem berüchtigten früheren Geheimdienstler Joseph Cofer Black, der in den USA das Gesetz des Dschungels im Kampf gegen Terroristen und sonstige Feinde mitformuliert hat. Er ist Spezialist für Drecksarbeit, ein absoluter Hardliner. Fast drei Jahrzehnte arbeitet er für die CIA, unter anderem war er der Anti-Terror-Chef. Später wurde er Vizepräsident der privaten Sicherheitsfirma Blackwater, die im Auftrag der US-Regierung Zehntausende Söldner in den Irak und nach Afghanistan geschickt hat.

Recherchen zeigen, wie eng die Verbindungen des Managements mit der Regierungszentrale in Washington und mit den diplomatischen Vertretungen der USA in aller Welt sind. An vielen Stellen hat Monsanto einsatzkräftige Helfer. Ehemalige Monsanto-Mitarbeiter besetzen in den USA hohe Ämter in Regierungsbehörden und Ministerien, in Industrieverbänden und an Universitäten. Es sind manchmal fast symbiotische Beziehungen. Nach Angaben der amerikanischen Anti-Lobby-Organisation Open Secrets Org haben im vergangenen Jahr 16 Monsanto-Lobbyisten teilweise hochrangige Posten in der US- Administration und sogar in Kontrollbehörden eingenommen.

Für das Unternehmen geht es um neue Märkte und die Ernährung einer rasant wachsenden Weltbevölkerung. Die Gentechnik und Patente auf Pflanzen spielen dabei eine große Rolle. Der Anteil von Gentech-Mais und -Soja liegt in den USA bei über 90 Prozent. Auch in einem Teil der übrigen Welt wächst der Anteil stetig.

Zuckerrohrernte in Braslien

Vor allem Großfarmer in den USA und Südamerika bauen gentechnisch veränderte Pflanzen an. In Europa ist der Anbau nur sehr eingeschränkt erlaubt. Der Widerstand ist groß. Foto: sia

Nur auf dem europäischen Markt tut sich nichts. Etliche Länder in der EU haben gegen die Monsanto-Zukunft viele Vorbehalte, was der US-Regierungsadministration offenbar missfällt. 2009 verbannt die CSU-Politikerin Ilse Aigner, Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, die Maissorte MON810 auch von deutschen Äckern. Als sie kurz darauf in die USA reist, wird sie vom US-Kollegen Tom Vilsack auf Monsanto angesprochen. Der demokratische Politiker war mal Gouverneur im ländlich geprägten Bundesstaat Iowa und hat sich früh als Anhänger der grünen Gentechnik profiliert. Die Gentechnikindustrie wählte ihn 2001 zum „Gouverneur des Jahres“.

Vom Gespräch zwischen Vilsack und Aigner gibt es leider keinen Mitschnitt. Es soll kontrovers gewesen sein. Ein Vertreter der Bundesregierung beschreibt die Tonlage so: Es habe „massive Bemühungen gegeben, einen Kurswechsel der Deutschen in der Genpolitik zu erzwingen“. Über die Art der „massiven Bemühungen“ und über den Versuch, etwas „zu erzwingen“, mag die Quelle nicht reden. Das gehört sich nicht unter Freunden und Partnern.

Dank Snowden und Wiki-Leaks hat die Welt eine Vorstellung, wie das so ist mit Freunden und Partnern, wenn es um Macht und Geld geht. Die Enthüllungsplattform veröffentlicht vor zwei Jahren Botschaftsdepeschen, in denen es auch um Monsanto und die Gentechnik geht.

Der ehemalige US-Botschafter in Paris, Craig Stapleton, schlägt beispielsweise 2007 der US-Regierung vor, eine Strafliste für die Staaten in der EU aufzustellen, die den Anbau von Gentech-Pflanzen amerikanischer Unternehmen verbieten wollen. Der Wortlaut der geheimen Depesche: „Das Länder-Team Paris empfiehlt, dass wir eine Liste mit Vergeltungsmaßnahmen abstimmen, die Europa einige Schmerzen bereiten werden“. Schließlich gehe es um „kollektive Verantwortung“. (Kasten rechts)Schmerzen, Vergeltung – das ist eigentliche nicht die Sprache der Diplomatie.

Zuckerrohr

Resistent gegen Schädlinge und Pestizide. Auf diese Eigenschaften werden viele Gentech-Pflanzen getrimmt. Ein Geschäftsmodell, an dem vor allem Agrarkonzerne gut verdienen. Foto: sia

Den Kampf um die Zulassung der berühmten genmanipulierten Maispflanze MON810 in Europa hat Monsanto mit viel Lobbyarbeit geführt – und alles in allem hat der Konzern den Kampf verloren. Auch auf den Prestigemärkten Frankreich und Deutschland musste er sich vom Acker machen. Eine Allianz von Politikern, Bauern und Kirchenleuten lehnt Gentechnik auf den Feldern ab und die Konsumenten wollen sie nicht auf dem Teller. Die Schlacht ist aber noch nicht vorbei. Die USA erhoffen sich von den diese Woche gestarteten Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU auch eine Öffnung der Märkte für Gentechnik.

Lobbyarbeit für die eigenen Unternehmen zu leisten – das ist in den USA Staatspflicht. Auch die wichtigen der 16 US-Nachrichtendienste haben ihre Arbeit schon immer als Unterstützung für amerikanische Wirtschaftsinteressen auf den Weltmärkten verstanden. Sie spähen unter Berufung auf den Kampf gegen den Terrorismus nicht nur Regierungen, Behörden und Bürger anderer Länder aus, sondern setzen sich dabei auf ihre sehr spezielle Weise für amerikanische Wirtschaftsinteressen ein.

Ein paar Beispiele? Vor mehr als zwei Jahrzehnten, als Japan noch eine Wirtschaftsgroßmacht war, erschien in den USA die Studie „Japan 2000“, die von einem Mitarbeiter des Rochester Institute of Technology (RIT) verfasst worden war. Mit einer „rücksichtslosen Handelspolitik“, so stand es in der Studie, plane Japan eine Art Welteroberung. Verlierer seien die USA. Die nationale Sicherheit der USA sei bedroht. Die Kampfansage hatte die CIA in Auftrag gegeben.

Amerikas Wirtschaft müsse im globalen Wettbewerb vor den „dirty tricks“, den schmutzigen Tricks der Europäer, geschützt werden hat der frühere CIA-Direktor James Woolsey erklärt. Deshalb würden die „kontinentaleuropäischen Freunde“ abgehört. Sauberes Amerika.

Der Whistleblower Snowden war mal für die CIA in der Schweiz und er hat in diesen Tagen darüber berichtet, mit welchen Tricks die Firma versucht haben soll, einen Schweizer Banker fürs Ausspionieren von Kontendaten zu gewinnen. Die EU gestattet amerikanischen Diensten tiefe Einblicke in die Geldgeschäfte ihrer Bürger. Angeblich geht es darum, die Geldquellen des Terrors auszutrocknen. Mittel und Zweck sind höchst zweifelhaft.

Erschienen am 13. Juli 2013 in der Süddeutsche Zeitung

 

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