Urbanes Gärtnern: Wenn der Buntbarsch den Salat füttert

Gärtnern ist ein großer Trend – und ein weites Feld für neue Geschäftsideen. Manche setzen auf High-Tech und holen sich die Natur ins Haus, andere ackern ganz traditionell. Wer richtig Geld damit verdienen will, hat es schwer. Das zeigt eine Reise, die von der Schweiz über Düsseldorf bis nach Berlin führt.

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Nur auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Gewächshaus, in dem Salat, Petersilie und Basilikum heranwachsen: Das Treibhaus ist Teil einer hochkomplexen Anlage, in der sich Fischzucht und Gemüseanbau ergänzen. Foto: sia

Olaf Weinreich, 38, wirft einen kritischen Blick in einen seiner Fischtanks. Drinnen brodelt es. Winzige Buntbarsche mit weiß-rot gescheckten Leibern schnappen gierig nach Stechmücken, die in kleinen Schwärmen über der Wasseroberfläche schweben. Jemand hat vergessen, die Fenster zu schließen. So hat die Natur ihren Weg gefunden in diese künstliche Welt, in der eigentlich nur die Technologie den Takt des Lebens vorgeben soll. Das mit den Mücken sei nicht schlimm, meint Weinreich. Sie seien gutes Fischfutter, kostenloses noch dazu. „Wenn in ein paar Wochen in allen Tanks Fische schwimmen, erledigt sich das ganz von allein“, sagt er.

In den Tanks wächst ein Stück grüne Zukunft – und so etwas gibt es nicht nur hier.

Acht große Fischbecken stehen dicht an dicht in dem 200 Quadratmeter großen Raum. Jedes hat drei Meter Durchmesser und ist so hoch, dass man gerade noch hineinschauen kann. Fast alle sind bis knapp unter den Rand mit Wasser gefüllt. Dazwischen ein Labyrinth aus Rohren, Schläuchen, Filteranlagen und Messgeräten, die leise surrend ihren Dienst verrichten.

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Olaf Weinreich ist zuständig für die Fischfarm, die ein Unternehmer in ein Geschäftshaus in Bad Ragaz eingebaut hat. Die Hinterlassenschaften der Buntbarsche düngen ein Stockwerk höher den Salat, der im Gewächshaus heranwächst. Foto: sia

Weinreich ist Fischwart, er steuert die Anlage. Ein Mann mit breitem Schädel und Bart, der Gelassenheit ausstrahlt. Sein Handwerk hat er an der Universität Hohenheim bei Stuttgart gelernt. Er ist rumgekommen in der Welt. Zuletzt hat er in Israel hochmoderne Aquakulturen betreut.

Doch das hier ist keine normale Aquakultur. Fische zu züchten im ersten Stock eines Geschäftshauses in Bad Ragaz in der Ostschweiz ist auch für Weinreich eine neue Erfahrung. Die Buntbarsche sollen nicht nur frische Filets liefern, sondern mit ihren Hinterlassenschaften und dem Wasser aus ihren Tanks auch den Salat und die Kräuter nähren, die ein Stockwerk höher auf dem Dach der Firma Ecco-Jäger heranwachsen, auf 1000 Quadratmetern. Aquaponik nennen Experten dieses System. Es ist die erste kommerziell eingesetzte Anlage dieser Art in der Schweiz, ein Vorzeigeprojekt. In Deutschland gibt es bisher nur ein paar Versuchsanlagen.

Das Gärtnern in der Stadt, in Industriegebieten, alten Fabrikanlagen oder auf Brachflächen ist ein großer Trend.

Begriffe dafür gibt es viele. Urban Gardening oder Vertical Farming zum Beispiel. Gärten, in denen Obst, Gemüse und Kräuter gezogen werden, wachsen in die Höhe, erobern Hausfassaden und Dächer. Die Sehnsucht nach mehr Grün in den Städten ist groß. Woher kommen die Lebensmittel, die zu Hause auf dem Teller landen, wie entstehen sie? Diese Frage treibt immer mehr Stadtbewohner um. Scharenweise ziehen sie mit Hacke und Gießkanne los, um sich ihre eigene kleine Welt zu schaffen. Eine Karotte, der man beim Wachsen zuschauen kann, schmeckt eben besser als ihr anonymes Pendant aus dem Supermarkt.

Die Rückkehr zu den Wurzeln ist aber auch ein Geschäft, das findige Unternehmer anlockt. Sie basteln an Angeboten, die perfekt auf die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe zugeschnitten sind. Die einen versuchen es auf die traditionelle Weise, etwa indem sie kleine, fertig bepflanzte Ackerparzellen in Stadtnähe an Hobbygärtner vermieten, wie Meine Ernte in Bonn oder das Jungunternehmen Ackerhelden in Essen.

Andere holen mit ausgefeilter Technologie die Natur ins Haus. In Basel entwickelt die Firma Urban Farmers schlüsselfertige Aquaponik-Anlagen, die Anlage in Bad Ragaz hat das Berliner Start-up ECF-Farmsystems konzipiert. Diese Unternehmer gehen mit Enthusiasmus ans Werk, doch wer damit wirklich Geld verdienen will, hat es schwer. Der Weg zum Erfolg ist mühsam. Das zeigt eine Reise, die von der Schweiz über Düsseldorf nach Berlin führt.

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Die Buntbarsche im Becken müssen noch ein paar Monate gefüttert werden, bevor sie ihr Schlachtgewicht erreichen. Foto: sia

Sie beginnt am Ortsrand von Bad Ragaz. Ein Kurort, der mit anderen Schweizer Ferienorten um die Gunst von Gästen buhlt. Das ist schwierig geworden. Seit sich die Schweizer mit ihrer Währung vom Euro losgesagt haben, bleiben viele Deutsche weg. Auch die Russen machen sich seit Beginn der Ukraine-Krise rar. Das bekommt Franz Gschwend zu spüren. Er betreibt hier mit seiner Familie den Lebensmittelgroßhandel Ecco-Jäger mit 60 Angestellten.

Gschwends Firma beliefert vor allem die Gastronomie in der Ostschweiz mit frischem Obst und Gemüse, aber auch Fertigprodukten. Er sorgt dafür, dass Urlauber in Davos, Laax und anderen Ferienorten an 365 Tagen im Jahr gut versorgt sind. „Der Druck ist groß, inzwischen drängen auch Einzelhandelskonzerne wie Migros oder Coop in dieses Geschäft“, sagt er.

Da habe er sich etwas einfallen lassen müssen. Eine Grundsanierung des Firmensitzes sei ohnehin fällig gewesen. Warum dann nicht etwas Innovatives schaffen? Gut für das Image sei das allemal. Die Idee mit der Dachfarm und der Fischzucht sei da gerade recht gekommen.

„Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um sich eine solche Anlage ins Haus zu holen“, sagt Gschwend und lacht. Ein hagerer Mann mit Brille, der ständig in Bewegung ist. Mehrere Millionen Schweizer Franken hat er für die Modernisierung und die Aquaponik-Farm ausgegeben. Wie viel genau, das will er nicht sagen. Kühl- und Wärmeanlagen, die gesamte Wasser- und Stromversorgung wurden erneuert, das Gebäude teilweise umgebaut. Dann der lange Kampf mit den Behörden, bis endlich alle Genehmigungen da waren. Für die Indoor-Farm musste er extra einen Fischwart und einen Gärtner einstellen.

Ein Plan, für den man viel Mut und Geduld braucht – und jede Menge Vorstellungskraft. Gschwend hat diese Vorstellungskraft. „Es ist eine bestechende Idee, mit dem gleichen Wasser zwei Kulturen zu bewirtschaften. Wir brauchen solche Lösungen. Die Meere werden leer gefischt, selbst Kleintiere werden zu Fischfutter verarbeitet. Das ist doch eine Idiotie.“ Bei diesem Thema kann er sich in Rage reden. „Ich habe Kinder und Enkel und wenn ich an deren Zukunft denke, muss ich mir Gedanken machen, wie das weitergehen soll.“ Doch der 58-Jährige ist kein Träumer, sondern Händler und Kaufmann. Und ein Grüner sei er schon gar nicht, betont er, „davon bin ich weit entfernt“.

Gschwend sieht sich als Realist mit Visionen. Die Firma hat er erst vor sieben Jahren gekauft. Davor hatte er sie bereits zehn Jahre als Geschäftsführer geleitet. In dieser Zeit hat er den Betrieb zusammen mit drei Söhnen und seiner Frau zu einem florierenden Unternehmen ausgebaut. Das mit den Fischen und dem Grünzeug habe er ganz genau durchgerechnet, mehrfach, betont er. In diesem März haben sie angefangen, die Anlage hochzufahren. Bald will er erste Ergebnisse sehen. „Die Ziele sind gesetzt, und wir geben uns da nicht viel Zeit.“ Schon vom nächsten Jahr an soll die Anlage kostendeckend arbeiten und dann rasch Gewinne liefern.

Ein Plan, der aufgehen könnte.

Gschwend steht im Gewächshaus und greift in eine Kiste mit erntefrischen Kräutern. Sie schmecken erstaunlich würzig, obwohl sie auf künstlichem Granulat gewachsen sind. Hier sollen künftig vor allem rare Salatsorten und Kräuter gedeihen. Die bringen gutes Geld, sind aber leicht verderblich und müssen deshalb schnell beim Kunden sein. Die ausgeklügelte Logistik von Ecco-Jäger sei dafür bestens geeignet, sagt Gschwend. Bei den Köchen in der Region stoße das Angebot bereits auf großen Anklang. Die ersten frischen Fische sollen von Herbst an ausgeliefert werden. Bis dahin ist noch viel zu tun. Eine Technologie, die das erste Mal so richtig in der Praxis funktionieren soll, ist immer auch ein großes Experiment. „Da muss man flexibel sein und darf nicht erwarten, dass alles auf Anhieb funktioniert“, stellt Gschwend fest.

Auf das große Experiment Gärtnern haben sich auch David und Sabrina Löhring, beide 35, eingelassen. Nur ganz ohne Technik. Das Gartenreich des Ehepaars ist gerade zwei Meter breit und gut 20 Meter lang. Es liegt auf einem Feld direkt hinter dem Deich, der den Rhein zwischen Düsseldorf und Neuss in sein Flussbett zwängt.

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Fachsimpeln auf dem Gemüsefeld: Ackerhelden-Gründer Tobias Paulert (mitte) im Gespräch mit David und Sabrina Löhring, die für eine Saison eine fertig angepflanzte Parzelle mit Ökogemüse gepachtet haben. Foto: sia

Es ist Juli und fast unerträglich heiß, das Thermometer zeigt 32 Grad Celsius an. Die Sonne brennt auf den Acker, der in 90 kleine Parzellen unterteilt ist, eine davon bewirtschaftet das Paar aus Düsseldorf. Nur ein großer Kirschbaum am Rand spendet ein wenig Schatten.

Das ganze Feld ist mit einem Zaun aus Schnüren von den umliegenden Wiesen abgegrenzt. Vorn am Eingang steht ein unauffälliges Schild mit der Aufschrift „Ackerhelden“. Ein dezenter Hinweis darauf, dass dies ein Mietacker der gleichnamigen Essener Firma ist. Sie vermietet die fertig bepflanzten Parzellen für eine Saison an Städter, alles garantiert bio, also ohne künstliche Düngemittel oder Pestizide. Äcker wie diesen vermarktet die Firma auch in München, Freiburg und anderen deutschen Städten.

Im Beet der Löhrings herrscht Ordnung.

Kohlrabi, Salat, Lauch stehen in Reih und Glied. Der Spinat zeigt erste Blüten. „Den hätten wir früher ernten sollen. Wenn er anfängt zu blühen, wird er bitter, hat man uns gesagt“, meint Sabrina Löhring, eine schlanke große Frau mit hellblonden Haaren, Lehrerin von Beruf. Ihren breitkrempigen Strohhut hat sie tief ins Gesicht gezogen. Bis auf den Spinat sei seither alles nach Plan gelaufen, meint ihr Mann David, ein robuster Typ mit Schiebermütze auf dem Kopf, in kurzen Shorts und weißem T-Shirt. Von den Ackerhelden haben sie eine umfassende Fibel bekommen, in der alles steht, was sie wissen müssen. Wenn dann doch noch Fragen bleiben, können sie das per Mail klären.

Mindestens zwei Mal in der Woche kommen die Löhrings hierher, meist mit den Rädern. Immer dabei: ein kleiner Eimer mit persönlichen Gartenutensilien und die Trinkflasche. Große Geräte wie Harken oder Spaten lagern in einer kleinen Hütte und können von allen genutzt werden. Von dem Projekt hätten sie aus der Zeitung erfahren, erzählt Sabrina Löhring.

Für 248 Euro haben sie sich für eine Saison ein Stück Acker gemietet.

„Das hier erinnert mich an meine Kindheit“, sagt Thomas Löhring, „ich komme vom Land, meine Oma hat noch selbst Kartoffeln und Zwiebeln angebaut.“ Die beiden sind stolz auf ihre Ernteerfolge. Den ersten Kohlrabi habe er sogar auf Facebook gepostet, erzählt David Löhring.

In sechs Monaten wachsen auf ihrem kleinen Zipfel mehr als 30 Pflanzensorten heran. Der Mann, der den ganzen Acker im Frühjahr mit nur wenigen Helfern bepflanzt hat, heißt Tobias Paulert und ist knapp 40 Jahre alt. Dass er kräftig anpacken kann, verrät ein Blick auf seine Hände. Ein paar Tausend Pflänzchen seien da schon zusammengekommen, sagt er. Paulert ist einer der Gründer der Ackerhelden. Auf den Feldern in und um den Ruhrpott und in Braunschweig legen Paulert und sein Geschäftspartner Birger Brock oft selbst Hand an. Weiter weg übernehmen das Vertragspartner. Brock und Paulert sind seit ihrer Jugend befreundet, schon im Schulgarten haben sie gemeinsam gegärtnert. „Das hat großen Spaß gemacht“, sagt Paulert. Doch dann ging es erst mal anders weiter, beide studierten Sportwissenschaften und Marketing und machten in unterschiedlichen Firmen Karriere.

Vor drei Jahren beschlossen die Freunde, wieder gemeinsam in der Erde zu wühlen und daraus ein Geschäft zu machen. Sie gaben ihre gut bezahlten Jobs auf und wurden die Ackerhelden. „Anfangs sind wir auf viel Kopfschütteln und Unverständnis gestoßen“, sagt Paulert. Die ersten Beete legten sie 2013 Berlin und Mönchengladbach an, dann folgte Bremerhaven.

Geld von der Bank gab es nicht, auch weil beide keine Sicherheit zu bieten haben. Das Land, das sie vermieten, haben sie von Ökobauern gepachtet. Also haben sie ihre privaten Ersparnisse investiert.

Bis heute machen die Ackerhelden noch keine Gewinne.

Sie leben von der Substanz. „Im nächsten Jahr wollen wir erstmals die Gewinnzone erreichen, dann sollen es bundesweit etwa 20 Standorte sein“, meint Paulert. Viel Arbeit macht die Bio-Zertifizierung. Über jede einzelne Pflanze auf dem Acker muss akribisch Buch geführt werden. Dass sie mit diesem Geschäft nicht reich werden, sei ihnen von Anfang an klar gewesen, sagt Paulert, „Äcker sind eben kein standardisierbares Industrieprodukt, da können wir nur langsam wachsen“.

Die Gründer des Berliner Start-ups ECF-Farmsystems wollen dagegen nur das eine: schnell wachsen und möglichst viele Aquaponik-Farmen verkaufen. Der Anlage für den Großhändler Gschwend in der Schweiz sollen bald weitere folgen. Im März haben sie auf dem Gelände einer ehemaligen Mälzerei im Bezirk Schöneberg ihre Pilotanlage in Betrieb genommen. Im Gewächshaus strecken sich Gurken- und Tomatenpflanzen dem Licht entgegen. Vorn neben dem Eingang zupft ein Praktikant Mini-Rettiche aus kleinen Pflanztöpfen.

Auf einer Fläche von 1800 Quadratmetern wollen sie pro Jahr 25 Tonnen Fisch und 35 Tonnen Gemüse erzeugen. Die verkaufen sie dann im kleinen Laden auf dem Firmengelände. Hier wollen sie potenziellen Kunden vorführen, dass ihr System funktioniert, sich Fischzucht und Gemüseanbau prima ergänzen. „Rentabel ist eine solche Anlage ab einer Größe von 1000 Quadratmeter“, sagt Nicolas Leschke, 37, einer der Gründer und Geschäftsführer.

Doch eine so komplizierte Anlage zu entwickeln ist teuer und erfordert viel Know-how. Das Kapital stammt von einem privaten Investor und einem Venture-Capital-Fonds, also einem Risikokapitalgeber. Wer sich eine Aquaponik-Farm zulegen will, muss laut Leschke mindestens eine Million Euro investieren. Das System sei für Industriebrachen und leer stehende Werkshallen geeignet. Im Klaren ist er sich darüber, dass das nur ein Nischenmarkt bleiben wird. „Die Massen kann man so nicht ernähren, das ist auch nicht unser Ziel.“

Dann ist Leschke auch schon wieder auf dem Sprung. Draußen wartet die nächste Besuchergruppe. Sein Geschäftspartner Christian Echternacht hat Freunde aus Schweden zu Besuch. Nicolas Leschke muss eine Präsentation halten.

Im Anschluss gibt es für jeden ein Glas Sekt mit Gurkenmus. Eine Mischung, an die man sich erst gewöhnen muss, genauso wie an die Vorstellung, dass der Barsch den Salat im Gewächshaus füttert.

 

Zuerst veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung am 25. Juli 2015

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