Gabelkämpfe- das zähe Ringen um die Zukunft der Landwirtschaft

Im Streit um die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung sind die Fronten verhärtet: Verbraucher und Umweltschützer gegen Agrarlobby und Politik. Das ist gefährlich, denn es gibt viel zu verlieren. Was sich ändern muss:

 

Gardening tools, seeds and soil on wooden table

Immer mehr Menschen gärtnern selbst. Foto: fotolia.com

An Ideen für aufsehenerregende Protestaktionen mangelt es auch den Landwirten nicht. „Wir Bauern garantieren ab morgen 100 Prozent Biolandwirtschaft, 100 Prozent Tierwohl und 100 Prozent Artenvielfalt“, schlugen die Erzeuger in Schleswig-Holstein vor einem Jahr ihrer rot-grünen Landesregierung vor. Klingt gut, einen Haken hatte die Sache dann aber schon. Als Gegenleistung wollten die Bauern vom Land angestellt werden. Feste Arbeitszeiten und 30 Tage Jahresurlaub inklusive, versteht sich.

Wirklich ernst gemeint war die „Bauer sucht Chef“-Aktion freilich nicht. Doch sie ist Zeichen dafür, dass der Kampf um die Ausrichtung von Landwirtschaft und Ernährung härter wird. Verbraucher und Erzeuger haben sich entfremdet. Wer Aufmerksamkeit in eigener Sache erringen will, muss sich etwas einfallen lassen. So hissten Gegner des neuen Agrarriesen Bayer-Monsanto im Januar Bienen-Puppen mit Gasmasken vor der Berliner Konzernniederlassung. Tausende Teilnehmer protestierten wenige Tage später bei der  „Wir-haben-es-satt“-Demonstration am Rande der Grünen Woche.

Draußen die Kritiker, drinnen Hunderte Aussteller aus aller Welt, die zeigen wollen, was sie können. Auf der einen Seite diejenigen, die auf Missstände aufmerksam machen, die gesunde Lebensmittel, eine intakte Umwelt und eine anständige Tierhaltung fordern. Auf der anderen Seite Agrarverbände, die Lebensmittelerzeuger und Bauern, die davon überzeugt sind, dass sie diese Ansprüche zum großen Teil bereits erfüllen. Sie fühlen sich durch die anhaltende Kritik verunglimpft und gegängelt.

Der Markt allein wird es nicht richten, die Politik muss die Leitplanken setzen

So geht das nun schon seit Jahren, und die Fronten verhärten sich zusehends. Das ist gefährlich und schadet am Ende allen Beteiligten. Die Gegner müssen sich wieder näherkommen und gemeinsam eine Vision für eine Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie entwickeln, die umweltfreundlich und verbrauchergerecht ist, aber Erzeugern gleichzeitig auch ein gutes Auskommen sichert.

Diese Herausforderungen sind gewaltig. Aufgabe der Politik ist es, für einen gesellschaftlichen Interessenausgleich zu sorgen und ein Leitbild für die Zukunft der Ernährungswirtschaft zu entwickeln, das dann entschlossen umgesetzt wird. Der Markt allein wird es nicht richten, die Leitplanken muss die Politik setzen, auch mit verbindlichen Regeln und Gesetzen.

Die Art und Weise, wie Lebensmittel erzeugt, Böden bearbeitet, Pestizide eingesetzt und Tiere gehalten werden, geht alle etwas an, nicht nur die Akteure in Agrarverbänden, in der Lebensmittelindustrie und die Bauern. Dabei geht es um viel Geld, das zu einem großen Teil auch von den Steuerzahlern kommt. Die gesamte Branche ist hoch subventioniert. Es geht immerhin um knapp sieben Milliarden Euro, die in Deutschland laut Bundesagrarministerium jährlich an 330 000 Empfänger verteilt werden. Empfänger sind nicht nur landwirtschaftliche Betriebe, sondern auch Exporteure von Agrarprodukten. Direkt und indirekt profitieren zudem Agrar- und Chemiekonzerne sowie Lebensmittel- und Futtermittelhersteller. Sie sind es auch, die massiv Einfluss auf die Politik nehmen. Verbraucher- und Umweltschützer finden dagegen in der Regel weniger Gehör. Das muss sich ändern. Wer Steuern zahlt, muss auch mitreden dürfen.

Ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zu Reformen ist, dass die Bundesregierung, aber auch der mächtige Deutsche Bauernverband endlich die Realität zur Kenntnis nehmen. Die Welt der Bauern ist längst keine heile mehr. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Das bleibt Außenstehenden, also auch den Konsumenten, nicht verborgen. Wenn Bauernpräsident Joachim Rukwied in diesen Tagen wieder das Leitbild bäuerlicher Familienbetriebe beschwört und verkündet, dass man „selbstbewusst auf die Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft blicken“ könne, hat das einen Beigeschmack.

Die eigentlichen Verlierer der Entwicklung sind jene Familienbetriebe, mit denen Verbände und Industrie so gern werben

Zwar kann die Branche gute Umsatz- und Produktionszahlen vorweisen. Es gibt aber auch Zahlen, die ein ganz anderes Bild vermitteln, ein Bild des Niedergangs und der Verluste. So ist die Zahl der Milchviehhalter in den vergangenen zehn Jahren um beinahe 40 000 auf 71 000 gesunken, noch stärker ist der Rückgang bei den Sauenhaltern. Waren es im Jahr 2006 noch 31 000 sind es heute nur noch 9000. Gleichzeitig stieg die Produktionsmenge. Das bedeutet, weniger landwirtschaftliche Betriebe halten mehr Tiere. Eine industrielle Produktionsweise setzt sich also immer mehr durch. Viele Verbraucher haben damit ein Problem, denn das steht in krassem Gegensatz zu dem Bild, das die Werbung von der Branche zeichnet, mit idyllischen Bauernhöfen und glücklichen Kühen, die noch von Hand gemolken werden.

Die eigentlichen Verlierer dieser Entwicklung sind ausgerechnet jene Familienbetriebe, mit denen Verbände und Lebensmittelindustrie so gern werben. Sie stehen am unteren Ende der Erzeugerkette und sind mit einer wachsenden Marktmacht von großen Agrar-, Lebensmittel und Handelskonzernen konfrontiert. Das zeigt unter anderem der vor Kurzem veröffentliche Konzernatlas der Böll-Stiftung und anderen Organisationen. Die Kleineren sind die Opfer einer Agrarpolitik, die in erster Linie auf Wachstum und Exporte setzt.

Deshalb ist endlich eine Diskussion darüber notwendig, ob es richtig ist, landwirtschaftliche Betriebe nach dem Prinzip einer industriellen Produktion zu führen. Es muss kritisch hinterfragt werden, ob dies der einzige Weg ist, um eine langfristiges Überleben von Betrieben zu sichern – oder ob es andere Wege gibt, die dann besonders gefördert werden. Denn so viel steht fest: eine umwelt- und tierfreundliche Produktionsweise kostet mehr Geld, als eine strikt auf Effizienz getrimmte.

Diese Analyse ist wichtig, Tiere sind keine Maschinen. Kühe, die immer mehr Milch geben sollen, werden anfällig für Krankheit, sie leiden. Böden und Wasserreserven sind Ressourcen, die nicht dauerhaft überstrapaziert werden können, sonst schlägt das Pendel zurück und die Erträge brechen ein. Der Rückgang der Artenvielfalt, verschmutztes Trinkwasser durch Nitrat, Rückstände des Pestizids Glyphosat in immer mehr Lebensmitteln, das alles sind alarmierende Hinweise. Die wachsende Weltbevölkerung wird sich nur ernähren lassen, wenn die Grundlagen dafür erhalten bleiben.

Andererseits betonen deutsche Behörden immer wieder, dass Lebensmittel so sicher seien wie noch nie. Das stimmt, doch sagt dies wenig über Qualität und Produktionsbedingungen aus. Wer eine Lasagne mit Pferdefleisch isst, ohne es zu wissen, wird keinen Gesundheitsschaden davon- tragen. Doch er fühlt sich vermutlich betrogen, wenn es als Rindfleisch ausgegeben wurde. Verbraucher haben ein Recht auf eine transparente und leicht verständliche Kennzeichnung und sie fordern das auch mit immer mehr Nachdruck ein.

Das liegt daran, dass das Interesse am Essen und seiner Herkunft in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Die Zahl der Vegetarier und Veganer steigt, und das hat auch damit zu tun, dass es viele Menschen nicht akzeptabel finden, was die meisten Tierhalter als gegeben hinnehmen: etwa das Töten männlicher Küken in der Legehennen-Haltung, das Abschneiden von Ringelschwänzen bei Schweinen, oder die Kastration von Ferkeln ohne Betäubung. Ein Umdenken hat inzwischen eingesetzt, aber nur weil der Handel und die Verbraucher Druck machen.

Die Politik unternimmt wenig, um den Konflikt zwischen Verbrauchern und Erzeugern zu entschärfen

Die Politik hat dagegen in den vergangenen Jahren nicht gerade den Eindruck vermittelt, dass sie die Bedenken und Wünsche der Bürger und Konsumenten ernst nimmt. Nur ein Beispiel dafür ist die von Verbraucherschützern geforderte Ampelkennzeichnung auf Lebensmittel-Verpackungen, die auf einen Blick sichtbar gemacht hätte, ob ein Produkt besonders viel Fett, Zucker oder Salz enthält. Das Vorhaben ist gescheitert, weil sich die Politik auf die Seite der Herstellerverbände gestellt hat. Gerade erst begonnen hat der Kampf um die Kennzeichnungspflicht für neue Gentechnik-Verfahren. Saatguthersteller wie Bayer oder BASF setzen viel daran, dies zu verhindern, weil sie um den Absatz ihrer Neuzüchtungen fürchten.

Die Bundesregierung, vor allem aber Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), haben wenig unternommen, den Konflikt zwischen Verbrauchern und Erzeugern zu entschärfen. Selten zuvor war der Stillstand in der Agrarpolitik so offensichtlich wie in den vergangenen drei Jahren unter der großen Koalition von CDU/CSU und SPD. Statt für einen Interessenausgleich in der Gesellschaft zu sorgen, hat sich Schmidt vor allem starkgemacht für die Interessen des Deutschen Bauernverbandes sowie der Agrar- und Lebensmittelindustrie. Wer von ihm grundlegende Reformen oder gar eine Agrarwende erwartet, ist bei ihm an der falschen Adresse, daraus macht er keinen Hehl: Er sieht sich auf dem richtigen Weg.

Doch Deutschland braucht eine aktive Agrarpolitik, die agiert anstatt zu reagieren, die Visionen für eine ökologisch und ökonomisch erfolgreiche Landwirtschaft entwickelt und auch durchsetzt.

Die anstehende Bundestagswahl bietet die Chance für einen Wechsel und einen Neuanfang. Es gibt viel zu tun. Die nächste Agrarreform auf EU-Ebene steht 2020 an, der Verteilungskampf hat bereits begonnen. Der Druck ist groß, Subventionen künftig stärker an Leistungen wie mehr Umweltschutz und Tierschutz zu knüpfen.

Daneben zeichnet sich neben der längst nicht ausgestandenen Milchkrise schon die nächste Unbill ab. So wird die Digitalisierung in der Landwirtschaft einen tief greifende Strukturwandel auslösen. Moderne Techniken können die Produktion erleichtern und etwa den Pestizideinsatz verringern. Doch der Innovationsdrang wird auch Arbeitsplätze kosten, das zeigt eine Studie des Bundesarbeitsministeriums. Demnach könnten in der Landwirtschaft bis zum Jahr 2030 je nach Tempo der Digitalisierung bis zu 168 000 Stellen wegfallen, ein Viertel aller derzeit Beschäftigten. Gelingt es nicht, den rasanten Stellenverlust zu dämpfen, könnte aus der ironisch gemeinten „Bauer sucht Chef“-Aktion durchaus bitterer Ernst werden.

 

 

Zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung

 

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