Sofies verkehrte Welt

Auf fruchtbarem Boden – Warum die Landwirtschaft Reformen braucht

Ein Beitrag von Silvia Liebrich

Die deutsche Landwirtschaft muss grüner und tierfreundlicher werden. Das geht nur, wenn Erzeuger unterstützt und ermutigt werden. Doch dafür braucht es neue Visionen und eine mutige Politik.

Verzerrtes Bild: die lila Kuh gibt es nur in der Werbung. Foto/Collage: sia

Wie sich Hunger anfühlt, wissen zum Beispiel Menschen, die die Nachkriegszeit miterlebt haben. Städter zogen zum Hamstern übers Land, um die wenigen Kartoffeln aus dem Acker zu klauben, die bei der Ernte übersehen wurden. Das Familiensilber landete nicht selten auf dem Schwarzmarkt, im Tausch gegen Mehl, Butter oder Fleisch. Der Preis spielt keine Rolle, wenn es ums nackte Überleben geht.

Heute kann man Schnitzel oft schon für ein paar Cent im Supermarkt kaufen. Die reife Ananas wird zum Spottpreis aus Südamerika eingeflogen. Brot ist in solcher Hülle und Fülle verfügbar, dass jeden Tag ein großer Teil im Müll landet. Schließlich sind es Konsumenten gewöhnt, nur frische Ware abzunehmen.

War noch vor 70 Jahren der Mangel ein Problem, so ist es heute der Überfluss. Denn auch wenn es neuerdings schick geworden ist, Bewusstsein für Ökologie und Nachhaltigkeit zu demonstrieren – die Realität der deutschen Lebensmittelerzeugung ist eine andere. Und das muss sich dringend ändern. Um die Lage zu verdeutlichen, muss man nur auf die Zahlen schauen. Noch nie haben die Deutschen so wenig von ihrem Einkommen für Essen ausgegeben. In den Nachkriegsjahren lag die Quote noch bei 50 Prozent und darüber. Heute sind es im Schnitt 14 Prozent. Dass nun darüber gestritten wird, ob Fleisch und Milch zu billig sein könnten, ob gar eine Abgabe nötig ist, um diese Fehlentwicklung zu korrigieren, das passt in die Zeit.

Der Verdacht ist berechtigt, dass Verbraucher derzeit nur einen Bruchteil der wahren Kosten bezahlen, wenn sie etwa einen Becher Joghurt oder ein Stück Käse im Supermarkt holen. Auf einem erheblichen Teil der Kosten bleiben andere sitzen. Nicht nur die Erzeuger. Sondern Tiere, die unter unwürdigen Bedingungen gehalten werden. Und die Umwelt, die durch eine exzessive Landwirtschaft seit Jahrzehnten Schaden nimmt. Die Gesellschaft – also wir alle – werden irgendwann die Gesamtrechnung begleichen müssen. Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen, ganz sicher aber in nicht allzuferner Zukunft.

DER KONFLIKT: Früher war Mangel ein Problem, heute ist es der Überfluss

Doch wie konnte eine solche Schieflageentstehen? Wer glaubt, dass es mit einfachen Schuldzuweisungen getan ist, irrt. Für den Preisdruck im Handel sind nicht allein Aldi, Lidl und Co verantwortlich. Die Konzerne machen sich nur zunutze, was der Markt hergibt – und das ist nicht verwerflich. Die Schuld tragen auch nicht allein Landwirte, die immer mehr produzieren wollen oder auf Profit ausgerichtete Agrarkonzerne. Die Probleme, die nun offensichtlich werden, sind das Ergebnis einer Agrarpolitik, die sich dem Wandel schon vor langer Zeit verschlossen hat.

„Die Agrarpolitik“, das sind die Entscheidungen, die in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland, vor allem aber auf EU-Ebene getroffen wurden. Vieles davon ist aus heutiger Sicht falsch, schien zu seiner Zeit aber durchaus angemessen. Als größter Fehler erweist sich heute, dass die Agrarpolitik seit Jahren in einer Art Schockstarre verharrt. Wenn, dann wird an kleinen Rädchen gedreht, werden einzelne Symptome bekämpft, aber nie die eigentlichen Wurzeln des Übels. Sichtbare Ergebnisse sind hierzulande unter anderem ein missglücktes staatliches TierwohlLabel, eine ungenügende Düngeverordnung sowie der gescheiterte Versuch, den Pestizideinsatz spürbar zu senken.

Was fehlt, ist der Mut für echte Reformen, die Entschlossenheit für eine nachhaltige und faire Landwirtschaft.

Das Zaudern hat dazu geführt, dass nun viele Probleme auf einmal zusammentreffen: zu viel Nitrat im Grundwasser, zu viele Tiere in zu engen Ställen, zu viele Giftstoffe auf Äckern, in Obst- und Gemüseplantagen. Auf der anderen Seite kollabierende Ökosysteme, ein Preiskampf im Handel sowie Erzeuger in Existenznöten. Über all dem hängt die Drohkulisse des Klimawandels. Er wird Erzeugern viel abverlangen und neue Risiken mit sich bringen, auch für die Ernährungssicherheit. Um all diesen Problemen zu begegnen, muss das Verhältnis von Landwirtschaft und Gesellschaft neu ausgehandelt werden. Es braucht Visionen und Ziele. Kein Zweifel darf daran bestehen, dass die Landwirtschaft grüner werden muss, sonst gefährdet sie ihre eigene Grundlage. Gewiss ist auch, dass der Tierbestand in deutschen Ställen auf ein vernünftiges Maß sinken muss. Das sind keine leichten Aufgaben. Hier müssen Landwirte mit schädlichen Wachstumsdogmen brechen, und das hat Auswirkungen auf ihren Verdienst.

DIE AUFGABE: Die Landwirtschaft muss grüner und tiergerechter werden

Doch wie soll der Weg dahin aussehen? Wie viel und welche Hilfen brauchen Erzeuger um umwelt- und tiergerecht zu wirtschaften, wenn sie dabei auch noch gut verdienen sollen? Wie viele Schweine, Rinder, Hühner verträgt das Land? Wie lassen sich faire Preise definieren und wertvolle Ressourcen wie Böden und Wasser schützen? Wie viel Raum braucht die Natur und wo bleiben die vielen Menschen, die auf dem Land Ruhe und Erholung suchen? Geklärt werden muss zudem, welchen Beitrag zum Klimaschutz die Landwirtschaft leisten kann und muss.

Das alles sind komplexe Fragen, die zusammenhängen. Für die Landwirtschaft der Zukunft braucht es deshalb ein Gesamtkonzept. Um zu verstehen wie dieses aussehen muss, hilft der Blick in die Vergangenheit, in die Geschichte der europäischen Agrarpolitik. Diese begann 1957 mit der Einrichtung eines gemeinsamen Markts für Agrarerzeugnisse. In einer Zeit, in der die Schrecken des Zweiten Weltkriegs noch präsent waren. Deshalb ging es erst einmal darum, die Lebensmittelknappheit zu überwinden und eine stabile Versorgung aufzubauen. Landwirtschaftliche Betriebe wurden unterstützt, um die Produktion zu steigern. Diese Ziele haben die Gründungsverträge geprägt und sie wirken bis heute. Und das ist ein Problem.

Schon Ende der 70er-Jahre zeichneten sich die negativen Folgen einer auf Wachstum getrimmten Agrarwirtschaft ab. Milch und Butter wurden in solchen Mengen produziert, sodass von Milchseen und Butterbergen die Rede war. Die Qualität der Gewässer litt schon damals, die Artenvielfalt nahm ab. Immer mehr landwirtschaftliche Betriebe verschwanden, weil sie zu klein und unrentabel waren. Die hohen Beihilfen aus Brüssel, die deutsche Steuerzahler mitfinanzieren, konnten das Höfe-Sterben bis heute nicht aufhalten. Waren vor fünfzig Jahren in Deutschland mehr als eine Million Höfe registriert, ist heute ist nur noch ein Viertel davon übrig.

Richtig erkannt wurde in den 90er-Jahren, dass Landwirte nicht nur Nahrung liefern, sondern auch öffentliche Güter, die mit dem Verkauf von Getreide oder Fleisch nicht abgegolten sind. Bauern pflegen und erhalten Kulturlandschaften, eine Dienstleistung, von der alle Bürger profitieren. Seitdem werden umweltfreundliche Praktiken und Landschaftspflege mit EU-Mitteln extra honoriert, allerdings in viel zu geringem Umfang. Noch immer wird der Großteil der Mittel nach dem Gießkannenprinzip verteilt: wer am meisten Land besitzt, kriegt am meisten ab.

Versuche, die sogenannte zweite, grüne Säule des Fördersystems zu stärken, scheitern immer wieder an einer mächtigen Agrarlobby, die weiter auf steigende Produktionszahlen und Exporte setzen will. Maßgeblich beteiligt sind daran auch die Bundesregierung und der mächtige Deutsche Bauernverband, der traditionell einen starken Einfluss hat, auch auf die Agrarpolitik in Brüssel.

Kein Wunder also, dass der Plan für eine nachhaltig ausgerichtete Landwirtschaft bis heute nicht aufgeht. Alarmierend ist, dass auch von der nun anstehenden Agrarreform auf EU-Ebene wenig zu erwarten ist. Die Verhandlungen in Brüssel sind festgefahren. Dem gerade erst verabschiedeten EU-Klimaschutzpaket fehlt es zwar nicht an ehrgeizigen Zielen für den Agrarsektor. Wie sie zu erreichen sind, bleibt allerdings ungewiss. Es können Jahre vergehen, bis hier etwas vorangeht.

Unterdessen läuft den deutschen Bauern die Zeit davon. Sie stehen vor Aufgaben, die sie jetzt und hier lösen müssen. Auf Hilfe aus Brüssel können sie dabei nicht zählen. Der Anstoß für Reformen kann und muss deshalb von der Bundesregierung kommen. Deren Spielraum jenseits der EU-Agrarpolitik ist weitaus größer, als sie gern vorgibt. Negatives Beispiel ist der anhaltend hohe Einsatz von Reserveantibiotika in Tierställen, der sich mit deutschen Gesetzen korrigieren ließe. Stattdessen verweist man in Berlin lieber auf Brüssel – eine bequeme Ausrede, um eigenes Nichtstun zu rechtfertigen und bei Weitem kein Einzelfall. CDU und CSU, die die deutsche Agrarpolitik mit wenigen Ausnahmen seit Jahrzehnten prägen, tragen die Verantwortung dafür, dass längst fällige Reformen systematisch verschleppt wurden, zum Nachteil von Erzeugern, Umwelt und Verbrauchern.

DIE LÖSUNG: Die Bundesregierung muss jetzt eigene Reformen angehen. Auf Entscheidungen aus Brüssel zu warten, ist falsch

Eine Schwäche des europäischen Binnenmarktes war es schon immer, dass er Länder mit höchst unterschiedlichen Bedürfnissen unter einen Hut bringen muss. Deshalb lässt die EU ihren Mitgliedsländern auch einen gewissen Spielraum. So wäre es für Deutschland ein Leichtes gewesen, den Ökolandbau stärker zu fördern. Tatsächlich wurden die wenigen Mittel dafür in den vergangenen Jahren sogar noch gekürzt. Auch den Neubau von immer größeren Ställen hätten Bund und Länder längst beenden können. Dass nun Verbraucher mit der diskutierten Fleischabgabe deren Rückbau mitfinanzieren sollen, ist da besonders ärgerlich.

Dabei zeigt sich immer wieder, dass Verbraucher mitziehen, wenn es um Umwelt- und Tierschutz geht. Auch wenn das mehr kostet. So erreicht der Umsatz mit Biolebensmitteln einen neuen Rekord. Und es sind keinesfalls nur Besserverdiener, die zugreifen. Konsumenten sind bereit mehr Geld auszugeben, wenn Qualität sichtbar und kontrollierbar ist. Das zeigt auch die seit 15 Jahren gültige Kennzeichnung von Eiern. Eier aus brutaler Käfighaltung sind längst aus den Supermärkten verschwunden, weil Konsumenten bereit sind, für Tierschutz ein bisschen mehr zu zahlen.

Was heißt das nun für die deutsche Agrarpolitik? Sie muss im Rahmen des EU-Binnenmarktes eigene Reformen auf den Weg bringen. Sie darf nicht länger die Interessen von Landwirten, Verbrauchern und Handel gegeneinander ausspielen. Es ist Zeit zu handeln. Jetzt!

 

Zuerst veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Februar 2020